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Unangenehme Nachrichten mutig ansprechen

Eine gute Bekannte fragt an, ob sie sich eine Woche bei mir einquartieren dürfe. Regelmäßige Artztbesuche in München seien notwendig – sie wohnt am anderen Ende der Republik. Ich mag sie, wir führen gute Gespräche, sie ist sehr großzügig, ich kann immer bei ihr wohnen, wenn ich ich in ihrer Nähe bin. Wo also ist das Problem?

Sie ist Kleptomanin. Lange habe ich es nicht gemerkt, dann haben mich andere Freunde und Bekannte darauf aufmerksam gemacht. Ich hab´s wieder vergessen. Dann fehlten Geschenke vom Geburtstagstisch. Und plötzlich war es da, das Getuschel hinter vorgehaltener Hand. Ihre eigene Schwester lasse sie vorsichtshalber nicht mehr in die Wohnung, man könne nicht mit ihr shoppen gehen, weil man dann gemeinsam mit ihr verdächtig werde, “sowas” sei doch therapierbar, wieso sie keine Therapie mache und wieso ihr Ehemann das decke.

Heute habe ich es angesprochen, vorsichtig, erst etwas rumeiernd, dann ganz offen, immer bemüht, sie nicht zu verletzen. “Ich mag dich sehr, aber ich habe den Eindruck, du kannst manchmal nicht richtig zwischen mein und dein unterscheiden…” “Ja”, sagte sie da zu meiner Überraschung, “ich bin Kleptomanin. Und ich bin in Therapie”. “Ich hoffe, dass Du mich nicht verstößt”, sagte sie dann später noch.  Ich denke, ich konnte ihr diese Ängste nehmen und mit ihr gemeinsam über diese Krankheit trauern und ihr Mut machen, sie zu bekämpfen.

Am Ende waren wir  beide froh, es angesprochen zuhaben und in Zukunft offen damit umgehen zu können. Sie wird mich nicht besuchen.

3 Kommentare zu “Unangenehme Nachrichten mutig ansprechen”

  1. Irina
    Oktober 21st, 2011 16:44
    1

    Es ist so wichtig, Dinge, die unterschwellig “gären”, direkt anzusprechen. Aber auch sehr schwierig. Toller Beitrag, der klar bewusst macht, dass wir es trotzdem tun müssen, um nicht immer das Gefühl “das sollte ich doch … ” mit uns herumzutragen!

  2. Frank
    Oktober 25th, 2011 10:33
    2

    Was lehrt uns das? Wir sollten auch unangenehme Dinge direkt ansprechen dürfen, auch wenn der erste Moment der unangenehmste ist. Doch nur so kann direkt damit umgegangen werden.

  3. Ralf Geiger
    Oktober 26th, 2011 09:31
    3

    Ich wünschte, ich hätte den Mut und die kommunikative Kompetenz, so ein heißes Thema so gekonnt anzusprechen – denn genügend Themen haben wir wohl alle. Aber bei mir geht das selten so harmonisch aus. Sind meine Fälle härtere Nüsse? Oder mach ich noch was falsch? Früher hätte ich ob dieses Dilemmas das Ganze dann eben sein lassen. Der Fall der netten Kleptomanin aber macht mir Lust, dranzubleiben. Es ermutigt doch, wenn ich sehe, dass es irgendwie funktionieren kann.

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