Sind wir nicht alle ein bisschen Guru?
“Gestatten, Guru” titelte vor kurzem die Süddeutsche Zeitung und meinte damit das “Besserwisser-Business”: Sind wir Trainer, Speaker und Autoren nicht alle ein bisschen Besserwisser? Obwohl wir doch wissen, dass Oberlehrer noch nie jemand so richtig gemocht hat. Hauptsache, die Verpackung stimmt, der Unterhaltungswert und Humorquotient sind hoch. Verstehe ich gut angesichts oder besser angehörts zahlloser langweiliger und staubtrockener Veranstaltungen und Präsentationen. “Du darfst alles, nur nicht langweilen” gehört schließlich zum Einmaleins der Vortragskunst – wer das nicht beherrscht, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Zuhörer in seinem Vortrag (die Steigerung ist vermutlich Vor-Lesung) lieber ein gutes Buch lesen denn zuhören.
Mit Plattitüden wie: “Du kannst alles, Du musst es nur wollen”, “Erfolg ist machbar” und “Jeder ist seines Glückes Schmied” Arenen füllen, viel Geld verdienen, die mediale Präsenz erhöhen – und natürlich verkaufen, verkaufen, verkaufen: Vorträge, Workshops, Seminare, Bücher, Hörbücher, CDs, DVDs, sonstige Devotionalien… Honorare von 20.000 € las ich in der SZ, für einen zweistündigen Vortrag, würden gezahlt. Nur kein Neid, sagte ich mir da, Du kannst das alles, Du musst nur wollen.
Und dann merke ich sehr schnell, dass ich gar nicht will. Kein Mißverständnis: Wenn Sie mir höhere Honorare als bisher zahlen oder mir eine Spende überweisen wollen, nur zu, ich teile Ihnen gerne meine Kontonummer mit. Geschäftemachen ist weder unverschämt noch unredlich – wie manche Menschen den “Business-Gurus” vorwerfen, zu dicht am Neid gebaut. Niemand zwingt ja die Heilssucher zu den Heilsbringern in den Saal oder auf die glühenden Kohlen – es ist noch gar nicht solange her, dass diese Art des “Motivationstrainings” mit Eventcharakter Tausende mobilisierte. Den Blick weg von den Kohlen, starr nach oben, “kühles Moos, kühles Moos” raunend liefen wir durchs Glutbett. Geile Erfahrung, es geht tatsächlich. Veränderungseffekt fürs eigene Leben, fürs Verhalten: Gleich Null.
“Schusterin, bleib bei Deinen Leisten” sage ich mir, Menschen individuell unterstützen, entwickeln und befähigen, ganz dicht dran sein am Einzelnen, Katalysator und Loste sein, Stärken stärken, Schwächen schwächen, den Spiegel vorhalten, den Blick für die Lösung schärfen, die Selbstwahrnehmung verbessern, ach, das ist es doch, was Du so gut kannst. Auch wenn es nicht ganz so reich macht.
