Das ist ein Kerl!
„Sei doch nicht immer so …!“ Was auch immer: mürrisch, penibel, perfektionistisch, schnell eingeschnappt, hektisch, übereifrig, emotional, distanziert … Was hören Sie immer mal wieder? Normalerweise ignoriert frau solche Pauschalangriffe, ärgert sich drüber oder rechtfertigt sich. Verständlich, aber bringt meist nichts außer dem üblichen Gezänke. Richtig wäre, das Problem zu klären.
Dazu müssten Sie erst einmal wissen, was der andere unter … versteht. Bin ich zum Beispiel in seinen Augen erst dann perfektionistisch, wenn ich beim gemeinsamen Frühstück Krawattenzwang einführe? Oder bereits dann, wenn ich im Gegensatz zu ihm die Zahnpastatube von hinten ausdrücke? Das sollte ich vorab klären. Empfehlen zumindest die Familien- und Paartherapeuten und die Kommunikationstrainer. Also könnten Sie sagen: „Das tut mir leid, das möchte ich ändern. Deshalb möchte ich verstehen, was du meinst: Könntest du mir eine konkrete Situation aus der Vergangenheit nennen, in der du mich als … empfunden hast?“ Das ist die Lehrbuch-Lösung. Was nur wieder zeigt, wie sehr wir uns auf Lehrbücher verlassen können. Denn was berichten mir Seminarteilnehmerinnen und Coachees als häufigste Reaktion von Schatzi auf diese Lehrbuchlösung? Dies: „Stell dich doch nicht so an! Du weißt doch ganz genau, was ich meine!“ Da ist frau erst mal baff: Sie macht alles richtig und kriegt als Dank dafür eine vor den Latz geknallt. Wenn mir so etwas passiert, werde ich meist so wütend, dass ich Knall auf Fall die Situation verlasse und denke: „Du Idiot!“ Ich fühle mich nicht ernst genommen. Ich mache mir alle Mühe, komme dem anderen entgegen und der motzt bloß dumm rum! Wie ein Sechsjähriger. Ein Partnerwechsel ist in so einer Situation durchaus angesagt.
Klingt hart. Doch wer will schon mit einem Sechsjährigen in einer Paarbeziehung leben? Zur Beziehung gehört nun eben auch, dass man/frau miteinander reden kann. Und wer einen Gesprächsversuch derart unqualifiziert abblockt, der disqualifiziert sich für jede Beziehung mit einer Frau, die auch nur über ein Minimum an Selbstachtung verfügt. Viele Frauen versuchen es trotzdem. Machen Gesprächsversuch auf Gesprächsversuch und fragen mich dann: „Ich gebe mir doch solche Mühe mit ihm! Warum klappt das nicht?“ Weil Sie nicht der Therapeut Ihres Partners sind! Sie sind Beziehungspartnerin und nicht Coach oder Kommunikationstrainer. Rudimentäre Gesprächskompetenz muss ein Mann schon mitbringen in eine Beziehung – oder sie währenddessen erwerben wollen. Wenn Sie so einen Mann erwischen, dann sagt der etwa: „Mensch, du hast recht, darüber sollte ich mit dir reden können. Das probieren wir doch gleich mal!“ Das ist ein Kerl. Traut sich was. Der hat Potenzial. Den können Sie behalten.
Literaturempfehlung: Cornelia Topf: Emotionale Intelligenz, redline Verlag
