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Nähe oder Distanz?

„Liebe Kollegen!“, sagt der Abteilungsleiter beim Meeting. Hinterher kanzelt ihn sein Vorgesetzter ab: „Das sind nicht Ihre Kollegen. Das sind Ihre Mitarbeiter. Als Vorgesetzter brauchen Sie diese professionelle Distanz!“ Braucht er die? Und was sagt es über einen Vorgesetzten, wenn der seine Mitarbeiter mit solchen verbalen Abstandhaltern auf Armlänge halten muss? Da loben wir uns doch die vorgesetzten Kumpel-Typen! Die haben solche Abwehrgesten nicht nötig.

Die können dann aber oft auch kaum noch ein Kritikgespräch  führen und keine ungerechtfertigt herausgenommenen Privilegien zurückstutzen. Als ob wir es nicht längst wüssten: Despot oder Feldwebel einerseits und Kumpel oder Abteilungsmama andererseits sind zwei Extreme, die zwar recht häufig anzutreffen sind,  aber:

Kumpels sind oft nett aber schwach und Despoten sind stark aber angefeindet. Trotzdem kursieren in Unternehmen immer noch Bekenntnisse wie „Die müssen mich nicht mögen, die müssen nur tun, was ich sage!“ oder „Ich bin eben ein Kumpeltyp!“ Manchmal fragen mich Coachees auch: „Was ist besser? Wenn ich als Chef den Rang rauskehre oder der große Bruder/die Mutter der Abteilung bin?“ Weder noch. Und: Beides!

Es kommt nicht auf die sogenannte professionelle Distanz an, sondern auf das Distanzempfinden. Für Sie selbst und für andere. Jeder Mensch hat sein eigenes Distanzverständnis. Plattes Beispiel: Während man dem wegen eines Fehlers beunruhigten Buchhalter als Chef auch mal beruhigend die Hand auf den Unterarm legen kann, verbietet sich das bei einer Buchhalterin genauso selbstverständlich. Distanz ist kein Entweder-Oder, sondern ein variables, situations- und personenabhängiges Kontinuum. Leider wissen das noch immer nicht alle Chefs.

Man erkennt  Vorgesetzte auch daran, dass sie oft nicht den richitgen Ton treffen, bei Fehlern z.B immer alle Beteiligten „mit klaren Worten“ zurechtweisen. Das schockiert Mitarbeitende mit hohem Distanzbedürfnis. „Aber ein klares Wort muss doch erlaubt sein!“, beschweren sich Führungskräfte im Coaching manchmal. Die Antwort lautet: Leider nein.

Es kommt nicht auf Ihre Worte an, sondern an wen sie gerichtet sind. Manche Menschen brauchen es glasklar, weil sie geringe Distanzen lieben: „Machen Sie das nochmal! So geht das nicht!“ Für die meisten ist diese Klarheit jedoch schon eine Distanzverletzung. Sie fühlen sich beleidigt. Das sollten sie nicht? Mag sein. Aber wenn sie es trotzdem sind? Man kann einem Menschen sein Distanzempfinden genauso wenig verbieten wie seine DNS. Viel besser, als sich die idealen Mitarbeiter zu wünschen, ist es, mit den realen zurechtzukommen. Indem man die Distanzansprache variiert. Nur die wenigsten Chefs (Lehrer, Ärzte, Eltern, Kundenberater, Politiker, Journalisten …) versuchen das. Nur die wenigsten beherrschen das.

Das sind dann allerdings jene, die genial führen. Die mit allen Menschen gleichermaßen gut zurechtkommen und von allen gleichermaßen respektiert werden. Weil sie das Distanzspiel beherrschen. Wie machen die das?

Indem sie Augen und Ohren aufmachen. „Da müssten wir auch mal was tun“, sagt die Projektleiterin im Meeting. Keine(r) geht darauf ein. Offenbar befindet sie sich tatsächlich noch in zu großer Distanz zu ihrem Projektteam. Also reformuliert sie: „Dieses Arbeitspaket muss überarbeitet werden.“ Durch die Distanzverkürzung fühlt sich jetzt (endlich) der zuständige Arbeitspaketinhaber angesprochen: „Okay, wird erledigt.“ Die Chefin legt nach: „So können wir das nämlich unmöglich dem Kunden vorlegen!“ Der betreffende Teamkollege mault: „Jaja, schon gut, wir haben es kapiert. Ich sagte doch, dass ich das überarbeite.“ Hoppla, dann war die letzte Äußerung der Chefin wohl doch etwas zu dicht, too close for comfort, zu direkt. Sie erkennt das und stellt die Distanz wieder her, die der Teamkollege durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und Verbaläußerung deutlich markiert hat, indem sie sagt: „Alles klar, ich danke dafür. Nächster Punkt.“

Wissen Sie, was distanzindolente Menschen zu diesem kleinen Beispiel sagen? „So umständlich kann ich doch nicht mit meinen Leuten reden!“ Akzeptiert. Führungskompetente Menschen sagen dazu eher: „Wenn ich gewusst hätte, wie einfach das ist, hätte ich das früher schon probiert. Seit ich auf die individuelle Distanz achte, setze ich meine Interessen viel öfter durch – und werde gleichzeitig von allen mehr respektiert.“

So einfach ist das. Machen Sie doch mal!

Oder war Ihnen das jetzt etwas zu direkt?

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