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Diese Wichtigtuer!

Karl, unser Facility Manager, erzählt: „Wir haben einen Segellehrer im Yachtclub, der war früher Kapitän von einem Kreuzfahrtdampfer. Riesenpott. Uniform mit goldblitzenden Knöpfen. Total wichtiger Mann. Seit er pensioniert ist, sucht er die Wichtigkeit bei uns. Als Segellehrer.“ Da liegt das Problem.

Karl weiter: „Er kennt einen Kreuzfahrtpott in- und auswendig. Aber von der Technik beim Segeln hat er nicht so viel Ahnung.“ Doch er führt das große Wort. Neulich hat er einen Segelschüler nach einem fast missglückten Anlegemanöver scharf zurechtgewiesen. „Anstatt ihn vor Beginn der Stunde auf die Tücken dieses besonderen Bootes hinzuweisen“, meint Karl. „Ein guter Lehrer hätte das getan.“ Doch dieser Lehrer ist nicht gut, er ist wichtig. Wer Schüler anbrüllt, ist wichtig. Denkt er. Der Schüler dachte, „Was für ein …“ und hat den Lehrer gewechselt. Der Wichtigtuer registriert das nicht (weil es nicht wichtig macht). Prompt tritt er ins nächste Fettnäpfen.

Als der Club die Bewerbung einer neuen Segellehrerin in der Vollversammlung diskutiert, sprechen sich alle für die Lehrerin aus. Er ist als einziger dagegen, weshalb er in coram publico ein pauschales Vorurteil über Frauen am Bootsruder vom Stapel lässt, um die Aufnahme zu verhindern. Er allein gegen alle – das macht ihn wichtig. Denkt er. Die Versammlung denkt das nicht. Sie lacht ihn wegen seines Uralt-Vorurteils aus. Er lernt nichts draus. Er macht sich weiter wichtig. Warum?

Weil Wichtigtun eine Sucht ist-  und Sucht  macht blind.

Wie wehren Sie sich gegen Wichtigtuer, Reichsbedenkenträger, Bremser, Verhinderer, Blockierer, Nervtöter, Meckerer, Oberlehrer, Haarspalter, Kribbelschisser und Korinthenkacker? Wie kriegen Sie solche Leute dazu, endlich damit aufzuhören?

  1. Die Overload-Taktik. Der Wichtigtuer will was. Nämlich wichtig sein. Sobald er das kriegt, gibt er Ruhe – falls Sie korrekt dosieren. Meist ist die richtige Dosis die doppelte Dosis. Also nicht: „Danke für den Hinweis!“ Sondern: „Da machen Sie uns auf einen eminent wichtigen Punkt aufmerksam! Danke für diesen überaus wertvollen Hinweis!“ Das funktioniert. Vorausgesetzt, Sie sprechen die Überdosis ironiefrei aus. Das gelingt nicht auf Anhieb, weil es mit unserem eigenen Wichtigseinwollen konkurriert. Deshalb trainieren wir Musterformulierungen in Coaching und Training. Mit etwas Übung klappt das.
  2. Die Ablenkung.Diese rhetorische Standardintervention funktioniert in allen Kontexten. Voraussetzung: Beim neuen Thema kann sich der Wichtigtuer so wichtig machen wie beim alten. Also zum Beispiel: „Ja, das Anlegemanöver ging etwas daneben. Aber mir ist vorhin schon aufgefallen, dass Sie eine ziemlich teure neue Segeljacke tragen …“ Durchsichtig? Nicht aus Sicht des Wichtigtuers. Er (und sie) nimmt jede Gelegenheit gerne an, sich zu profilieren.
  3. Der Yachtclub hat’s vorgemacht und laut gelacht, als der Wichtigtuer die Segellehrerin wegbeißen wollte. Das funktioniert auch, wenn nur eine(r) lacht. Viele sagen: „Das ist mir nicht in die Wiege gelegt!“ Das ist es keinem/r! Therapeutisches Lachen ist reine Trainingssache.
  4. Verständnis. Als der unbelehrbare Wichtigtuer bei der nächsten Versammlung erneut einen vielversprechenden Kandidaten abschießen will, sagt der Clubvorsitzende: „Geschätzter Kollege, ich verstehe sehr gut, dass Sie den Club vor Überfremdung schützen möchten. Es imponiert mir, dass Sie dieses Ziel mit aller Vehemenz verfolgen. In diesem Fall jedoch …“ Das hört der Wichtigtuer nicht mehr. Weil ihm das ausgedrückte Verständnis schon reicht.

Vier Rezepte, die sich in der Praxis bewährt haben – wenn man sie vorher ein wenig übt. Also: Nicht klagen! Üben! Wollen wir?  

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