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Das leise Glück

Österreich. Erinnern Sie sich? Da war mal eine Wahl. Der Sieger sagte erstaunlicherweise, sinngemäß: „Eigentlich bin ich ein schüchterner Mensch, aber ich habe gelernt, in einer lauten Welt zurechtzukommen.“ Der Verlierer dagegen wurde nach Wahlausgang laut, vermutete empört Wahlbetrug. Bescheidener Gewinner, lauter Verlierer. Wir hatten das schon mal.

Als Schröder damals die Wahl verlor, behauptete er bei der Elefantenrunde direkt nach Wahlschluss lauthals „Ich habe gewonnen!“ Frau Merkel saß mit aristokratischer Zurückhaltung daneben und wunderte sich. Wir auch. Es überrascht, wenn Leise gewinnt. Denn Laut ist in.

Alles an unserer Kultur ist laut, großspurig, grandios. Deshalb assoziieren wir oft unbewusst „laut = erfolgreich“. Vielleicht dachten das Schröder, Hofer und Trump auch. Wir alle denken das. Sogar die Leisen, Zurückhaltenden, Aristokratischen unter uns – und machen sich Vorwürfe: „Ich müsste auch mal laut werden. Aber das liegt mir nicht!“ Schlimmer, wenn man den Vorwurf von außen bekommt: „Du bist so ein Leisetreter – hau doch mal auf den Tisch! Sonst erreichst du nichts in dieser Welt!“ Stimmt das?

Es stimmt auf jeden Fall: Wer laut wird, ist in, bewegt sich innerhalb der Parameter der vorherrschenden Kommunikationskultur. Ich, ich, ich! Und möglichst lauter als jede(r) andere. Wem das liegt – unbenommen! Das Problem ist: Nicht jedem und jeder liegt das. Eigentlich ist das Problem schlimmer: Kindness = Weakness. Unsere Kultur stigmatisiert vornehme Zurückhaltung als Schwäche. Muss man deshalb als Leiser, Zurückhaltende, Introvertierter, Intellektueller lernen, laut und grob zu werden?

Wenn man/frau das kann und möchte – nur zu. Die meisten möchten es nicht. Sie halten es mit Shakespeares Polonius im Hamlet: „This above all: to thine own self be true.“ Bleib dir selber treu! Es ist eben nicht die Frage: Wie passe ich mich an, verrate mich selbst und werde etwas, das ich nicht bin und nicht sein möchte und werde auf unangenehme Art laut? Sondern: Wie wahre ich Leise(r) in einer lauten Welt sowohl meine Identität als auch meine Interessen?

Die Frage ist nicht: Wie wird ein(e) Leise(r) laut? Sondern: Wie wird ein(e) Leise(r) wahrnehmbar, sicht- und hörbar, deutlich, verstanden, wirksam? Indem er oder sie sich zum Beispiel mit überlegener Kompetenz ausstattet. Die Lauten sind zwar laut, aber oft wenig fundiert. Wer am lautesten schreit, weiß es eben nicht immer auch am besten. Wer es am besten weiß, erhöht seine eigene Wirksamkeit auf leise, aber wirkungsvolle Weise. Trotzdem hört die Welt oft nicht auf Kompetenz, sondern auf Lautstärke?

Dann kann man/frau sich als Leise(r) mit anderen (Leisen) zusammentun, bis eine kritische Masse oder zumindest ein gesteigerter Einfluss erreicht ist. Besser vernetzt ist besser als lauter gebrüllt. Vor allem, wenn man still und leise einflussreiche Personen im Netzwerk versammelt. Die Energie, die andere ins Brüllen und Trommeln investieren, investieren Introvertierte besser und lieber in Networking, Kooperation, Strategie und Taktik. Das meint auch Sylvia Löhken, deren Buch „Leise Menschen – starke Wirkung“ ich gerne als Vertiefung empfehle. http://bit.ly/1UlmnsD

Vor allem sollten stille Menschen nicht neidvoll auf die Lautsprecher unserer Tage schauen, sondern sich eher auf ihre eigenen Stärken besinnen: Leise sehen oft mehr, tiefer, genauer. Sie hören meist auch besser, fühlen mehr, denken und entscheiden besser. Brüllen bindet viel Kraft – und schränkt die rhetorischen Mittel stark ein.

Humor zum Beispiel funktioniert beim Brüllen überhaupt nicht – bei Leisen viel eher; vor allem die stille Art des Humors, die niemanden beschädigt und einfach nur die Stimmung hebt. Humor macht außerdem sympathisch – Brüllen eher selten.

Im Seminar werde ich oft gefragt, ob stille Menschen mit Beharrlichkeit die Lautstärke der Lauten kompensieren können: im Prinzip ja. Wer beharrlich, höflich und leise mit seinem Anliegen immer wieder vorstellig wird, hat höhere Erfolgschancen als wer die Flinte nach der ersten Absage ins Korn wirft. Doch leider ist unsere Welt auf laut kalibriert.

Bei vielen Ansprechpartnern, Institutionen und Situationen gilt: „Wer am lautesten schreit, kriegt den Zuschlag.“ Also sollte man/frau nach dem dritten erfolglosen Versuch die Beharrlichkeit Beharrlichkeit sein lassen und, wie ein Seminarteilnehmer es einmal formulierte, seine „Energie lieber in was anderes investieren“. Alternativen gibt es immer.

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