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Warum wir aufhören müssen, Introvertiertheit als Schwäche zu sehen

Von Edie Calie

Mai 23, 2016

Vor einem Jahr bot mir meine ehemalige Chefin eine Beförderung an. Sie sagte: „Du müsstest allerdings etwas mehr aus dir rauskommen und weniger introvertiert sein.“ Bis dato hatte mich noch nie jemand introvertiert genannt und ich selbst hätte mich sofort als extrovertiert charakterisiert. Vielleicht kannte sie mich nach acht Jahren nur noch nicht gut genug. Da ich den Job hasste, lehnte ich ab und kündigte.

Das Wort „introvertiert“ nahm ich mit und dachte darüber nach. Natürlich verhält man sich in der Arbeit anders als privat, ich war definitiv ruhiger und zurückgezogener als unter FreundInnen. Aber war ich deswegen introvertiert? Und würde man so was nicht wissen?urz darauf stieß ich auf den TED-Talk von Susan Cain mit dem Titel The Power of Introverts, und war überrascht, wie sehr sie mir aus der Seele sprach und wie wenig ich mir meiner Bedürfnisse bewusst war.

Die Begriffe Introversion und Extraversion führte C.G. Jung Anfang des 20. Jahrhunderts in die Persönlichkeitspsychologie ein. Introvertiert bedeutet nach innen gewandt, extrovertiert (oder auch extravertiert) nach außen gewandt. Obwohl die Modelle der Persönlichkeitspsychologie komplexer sind und mehr als diese zwei Faktoren beinhalten, gelten sie nach wie vor als wesentliche Eigenschaften von Menschen, die sich im Laufe des Lebens nur wenig ändern. Sylvia Löhken schreibt in ihrem Buch Intro, Extro oder Zentro?, wie die Unterschiede im Gehirn nachgewiesen werden können. „Extros sind stärker vom Sympathikus, Intros stärker vom Parasympathikus geprägt. Deshalb brauchen Extros tendenziell mehr aktives Handeln und Anregung, Intros dagegen Reflexion und Ruhe.“

Extrovertierte gehen mehr Risiken ein, lassen sich schneller mitreißen und begeistern, stellen sich schneller auf Neues ein und werden ohne lange zu überlegen aktiv. Sie richten ihre Kraft nach außen, sind spontaner, ändern schneller ihre Strategien, kommunizieren lieber mündlich und sind bereit, heikle Themen und Probleme anzusprechen. Auf der anderen Seite sind sie auch leichtsinniger, beschäftigten sich häufig nur flüchtig mit Menschen und Dingen, langweilen sich schneller, wenn Eindrücke ausbleiben, setzen sich häufiger auf Kosten anderer in Szene, reagieren in schwierigen Situation aggressiver, sind impulsiver, konzentrieren sich schwerer und vermeiden es, alleine zu sein.

Introvertierte sind vorsichtiger, streben mehr nach Bedeutung und Tiefgang im Denken und Kommunizieren, bleiben länger bei einer Sache, hören besser zu, benötigen mehr Ruhe, denken analytischer und planen strukturierter. Sie sind autonomer, kommunizieren lieber schriftlich und versetzen sich leichter in andere hinein. Dafür ist ihr Handeln öfter von übertriebener Vorsicht blockiert, sie verlieren sich leichter in Einzelheiten, sind schneller von Eindrücken überfordert, verharren in Situationen, auch wenn dies negative Auswirkungen für sie hat, ziehen sich schneller zurück, überschätzen den Verstand, verleugnen eher ihre eigenen Merkmale und Bedürfnisse, sind mehr auf Gewohnheiten angewiesen, vermeiden Kontakte, weshalb sie sich in die Gefahr sozialer Isolation begeben und scheuen Konflikte.

Und nach der Arbeit geht es weiter, beim gemütlichen informellen Beisammensein. Dabei ist dies für Introvertierte häufig alles andere als gemütlich und bedeutet zusätzlichen Stress.

Das sind nur ein paar Punkte, in denen sich Intro- und Extrovertierte unterscheiden, die nicht zwingend auf alle zutreffen. Die eigene Persönlichkeit ist in der Regel zwischen diesen zwei Polen verortet. Sylvia Löhken schlägt zusätzlich die Bezeichnung zentrovertiert vor, für all jene, die „zur Mitte gewandt“ sind. Geläufiger ist jedoch ambivertiert, was all jenen Menschen Rechnung trägt, die zu beiden Seiten gewandt sind, je nach Situation.

Es ist also nicht unüblich, im Privatleben extrovertiert und in der Arbeit introvertiert zu sein, oder umgekehrt. Ein Beispiel dafür ist Psychologieprofessor Brian Little, der in Harvard unterrichtet und auf Grund seiner extrovertierten, unterhaltsamen Vortragsart mehrmals zum beliebtesten Professor gewählt wurde. In seinem TED-Talk zum Themaoffenbart er, dass er so introvertiert ist, dass er sich im Anschluss an seine Vorlesungen vor den Studenten auf dem Herrenklo versteckt. Er benötigt Zeit für sich, um Energie aufzutanken und sich zu sammeln. Er will einfach mit niemandem reden. Die Fähigkeit, trotzdem ein guter Redner zu sein, bezeichnet er als „to act out of character“. Das wenden alle von uns an, wenn es notwendig ist und uns eine Sache wirklich wichtig ist.

Was uns zu der vielleicht wichtigsten Frage an der Sache bringt: Wo ist dann das Problem? Es ist kein Geheimnis, dass Menschen unterschiedliche Persönlichkeiten, Schwächen und Stärken haben. Trotzdem nimmt unsere Gesellschaft, die ungefähr zur Hälfte aus Extro- und zur Hälfte aus Introvertierten besteht, darauf wenig Rücksicht. Diversität in dieser Angelegenheit gibt es in der öffentlichen Meinung nicht.

„Der Stil unserer Zeit ist extravertiert“, schreibt Peter Lauster in seinem BuchSelbstbewusstsein. Sensibel bleiben, selbstsicher werden. „Die meisten Menschen leben nach außen. Sie suchen Reize, Geselligkeit, Zeitstil Abwechslung, stürzen sich in Aktivitäten und Betriebsamkeit. Auch die wichtigsten angestrebten Werte dienen der Wirkung nach außen: Auto, Kleidung, Möbel, Urlaub, Kosmetik. Man lebt nach außen, will wirken, sich durchsetzen, konsumieren und genießen.“

Zusätzlich wird ein ständiges Miteinander gefordert. In der Schule müssen immer mehr Aufgaben zusammen, in Gruppenarbeiten, erledigt werden.Das setzt sich an der Uni fort und schließlich landet man in einem Großraumbüro ohne Rückzugsmöglichkeit. Networking, Vernetzung, Austausch sind die Schlagworte unserer Gesellschaft. Wehe, wenn wer in Ruhe und alleine arbeiten will.

Und nach der Arbeit geht es weiter, beim gemütlichen informellen Beisammensein. Dabei ist dies für Introvertierte häufig alles andere als gemütlich und bedeutet zusätzlichen Stress.

Die Bedürfnisse von Introvertierten werden dabei häufig übergangen. Nach wie vor gelten sie als Problemfälle, besonders im Kindesalter, und werden als Außenseiter gesehen, die schüchtern und asozial sind. Wer nicht laut genug schreit und schnell reagiert, wird übergangen. So schreibt Löhken, dass Introvertierte in Diskussionen mehr Faktoren bedenken und miteinbeziehen, aber genau deshalb mit ihren Ideen häufig zu spät einsteigen. Aufgrund solcher Vorgehensweisen bleiben womöglich wertvolle Lösungsvorschläge ungehört; statt der besten werden nur die schnellsten Antworten verfolgt.

Zahlreiche Ratgeber erklären Introvertierten, wie sie sich in einer extrovertierten Welt Gehör verschaffen, Präsenz zeigen und erfolgreich sind. Gleichzeitig nähren sie die Klischees der Hochsensibilität und Hochbegabung, obwohl Intelligenz nicht an Intro- oder Extraversion gekoppelt ist. Anscheinend sind es die Introvertierten, die sich anzupassen haben, wenn sie etwas erreichen wollen.

Dem widerspricht Cornelia Topf in ihrem Buch Einfach mal die Klappe halten. Die Kommunikationsexpertin, die sich in einem persönlichen Telefonat als extrovertiert und redselig entpuppt, sieht gerade in der Ruhe und im Schweigen ungenutzte Chancen. „Schweigen als Kommunikationsmittel ist weitgehend unbekannt und wird dramatisch unterschätzt, eben weil es viele nicht können und daher Angst davor haben“, sagt sie.

Dass der fehlende Input zu Langeweile auf Seiten der Extrovertierten führen könnte, bezweifelt sie. Vielmehr wäre es für beide Seiten spannend. „Und selbst wenn es langweilig wäre, was ist so schlimm daran? Klagen wir nicht ständig über zu viel Workload, Lärm, Belastung? Schweigen kann auch eine gute Gelegenheit sein, endlich mal zu verlangsamen, runterzukommen. Insbesondere Introvertierte sind dankbar, wenn von ihnen nicht erwartet wird, dass sie sich äußern und ihr Schweigen vorbehaltlos akzeptiert wird.“

Das heißt natürlich nicht, dass wir uns in Zukunft nur noch anschweigen sollen, sondern ist als Plädoyer für qualitative Gespräche anzusehen. Einander zuhören, weniger Worte verwenden, die durch Schweigen Gewicht bekommen, statt ununterbrochene Geräuschkulisse um den eigenen Status auszufechten.

Sowohl die Zusammenarbeit mit anderen als auch die Autonomie sollten gefördert werden. Weder Extrovertierte noch Introvertierte sind per se besser oder wurden von der Evolution bevorzugt. Die Gesellschaft könnte von den Vorteilen beider Gruppen profitieren. „Miteinander ja, aber nicht um jeden Preis“, wie Cornelia Topf sagt.

Edie Calie auf Twitter: @ediecalie

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