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Lass mich bloß in Ruhe!

Ein Tabuthema: Übergriffige KollegInnen.
Danielle hat drei davon. Jede Stunde einmal kommt einer von ihnen in ihr Büro und sagt Sachen wie: „Da hast du schon wieder einen Fehler gemacht!“, „Du setzt die falschen Prioritäten.“, „So kannst du das unmöglich machen!“ Was bilden die sich ein? Danielle ist empört. Und total gestresst, weil das seit Monaten so geht. Dabei ist sie High Potential.
Der Chef fördert sie aktiv und hat ihr eine Führungsposition in Aussicht gestellt. Fachlich ist sie erste Sahne. Kann sich artikulieren, hat hohe Sozialkompetenz, ist bei allen beliebt – mit Ausnahme der drei Übergriffigen. Die haben es auf sie abgesehen. Eine(r) schießt immer quer? Das gehört zum Job? Das ist schlicht der Wahnsinn der Normalität? Das mag man so sehen. Ich halte diese Sichtweise für unmenschlich, effizienzvernichtend und firmenschädigend. Denn Danielle will das Unternehmen verlassen. Deshalb kommt sie ins Coaching.
Danielle hat erkannt „Wenn ich wechsle, nehme ich das Problem vielleicht mit. Ich kann mit übergriffigem Verhalten einfach nicht umgehen. Das möchte ich ändern. Wie mache ich das?“ Mit Abgrenzungsfähigkeit, im Amerikanischen bekannt als Assertiveness.
Danielle hat schon richtig vermutet: Sie hat auch einen Problemanteil. Zum Beispiel ihre Haltung. Bei jedem Übergriff nimmt sie eine (untergeordnete) Fragehaltung an, zum Beispiel:
„Da hast du ja mal wieder schönen Mist gebaut!“
„Wieso? Was stimmt nicht?“
Und schon doziert der Kollege zehn Minuten über Dinge, die Danielle längst klar sind. Aber Danielle fällt immer wieder darauf herein – eben weil sie nicht klarmachen kann, dass ihr das alles längst klar ist. Es dauert eine ganze Sitzung, ihr Dialogverhalten diesbezüglich umzustellen. Am Ende der Stunde – ich übernehme die Rolle des Übergriffigen – hat sie das drauf:
„Das ist ja wieder grottenfalsch!“
Danke für den Hinweis. Ich kümmere mich darum.“
„Aber du weißt doch gar nicht, was ich meine.“
„Doch, weiß ich. Wird erledigt.“
„Aber du hast noch gar nicht die Konsequenzen begriffen!“
Habe ich. Danke für den Hinweis. Außerdem: Jetzt nicht, es ist gerade ungeschickt. Wenn ich noch was brauche, komme ich heute Nachmittag auf dich zu.

 

Ende der Diskussion, Blick wieder zum Bildschirm, Schweigen. Danielle schreibt im Coaching eine Menge Mustersätze mit, mit denen sie ihr Schweigen einleiten kann, Führung im Gespräch übernehmen möchte. Begeistert ist sie davon nicht. Richtiger: Es fühlt sich für sie ungewohnt an.

Deshalb lautet Danielles „Hausaufgabe“ auch: Üben. Bis aus den ungewohnten Sätzen gewohnte Verhaltensmuster werden. Und zwar Üben in blamagefreien Kontexten: in der Familie, unter Freunden, in der Beziehung, im Verein. Einfach mal Nein sagen bei etwas, zu dem man auch gut und gerne Ja sagen könnte. Einfach mal ausprobieren. Immer mal wieder. Bis es vertraut wird. Und dabei beobachten.
Nach innen beobachten: Was kommt dabei hoch, wenn ich mich abgrenze, wenn ich mich selbstbestimmt artikuliere, wenn ich das sage, was mir gut tut? Meist sind es Gedanken und Gefühle wie: Das darfst du nicht! Das gehört sich nicht! Die sind viel schlauer als du! Der ist jetzt bestimmt sauer auf dich!
Diese Gedanken und Gefühle bitte ernst nehmen! Das heißt: Sich mit ihnen unterhalten. Zum Beispiel: „Okay, vielleicht ist er nach meinem Nein ein bisschen sauer auf mich. Halte ich das bisschen aus?“ Hilfreich ist auch die Erkenntnis, dass sich hinter jeder Abgrenzungsschwäche die Angst vor dem Verlust sozialer Anerkennung versteckt: „Wenn ich Nein sage, hat er/sie mich nicht mehr lieb!“ Dann kann man sich fragen: Muss ich Anerkennung unbedingt von diesem Menschen bekommen? Kann ich sie mir nicht woanders suchen? Im Detail hilft auch Achtsamkeit, Mindfulness.
Denn viele halten selbst die kleinste soziale Ablehnung geradezu körperlich nicht aus. Es tut einfach zu weh. Das ist nicht logisch, aber psychologisch. Manche Menschen spüren seelischen Schmerz einfach heftiger als andere. Deshalb sagen sie Ja, wo sie Nein sagen sollten. Weil der Schmerz eines Neins zu heftig wäre – für sie. Genau hier hilft Achtsamkeit; die Amerikaner sagen dazu: How to sit with painful emotions. Wie man schmerzhafte Gefühle aushält. Wie?
Indem man sie so detailliert und körperzentriert wie nur möglich „benamst“, zum Beispiel: „Aha, so fühlt es sich also an, wenn ich Nein sage und vermute, dass der andere sauer ist. Interessantes Gefühl. Drückt auf den Magen. Und etwas schwummerig im Kopf ist mir auch dabei.“ Das ist Achtsamkeit. Der Clou: Sie reduziert die emotionale Belastung umso drastischer, je öfter Sie das üben. Das kann man übrigens immer. Zum Beispiel jetzt. Was fühlen Sie? Wo? Wie? Wie heißt das? Passt der Name?
Abgrenzung ist nicht nur Danielles Problem. Es ist das Problem unserer Zeit. Arbeitsüberlastung, Stress, Unzufriedenheit, Rastlosigkeit, mangelnde Anerkennung und Burnout sind in letzter Konsequenz auch „nur“ versäumte Abgrenzungsaufgaben. Wir tun, was sich gut anfühlt, anstatt dessen, was gut für uns ist.
Natürlich sollte man nun nicht ins andere Extrem verrutschen und sich mit aller Macht abgrenzen: „Ach geh doch hin wo der Pfeffer wächst und lass mir meine Ruhe!“ (Es sei denn, man möchte wirklich mal mit der Faust auf den Tisch hauen.) Doch auch das ist reine Übungssache: Hart in der Sache, freundlich zur Person.
An den Arbeitsplätzen der Menschen führe ich oft gedanklich Strichliste. Und in einer ruhigen Minute frage ich dann: „Ich habe in den letzten zehn Minuten fünf Gelegenheiten zur Abgrenzung bemerkt, die Sie nicht wahrgenommen haben. Sie beklagen sich über Stress, mangelnde Anerkennung und Erfolgsdruck. Sie sagen, Sie können sich ganz gut durchsetzen. Aber Sie tun es nicht.“
Könnte es sein, dass Ihnen das nötige Training fehlt?

Buchtipps:

Einfach mal die Klappe halten – warum Schweigen besser ist als Reden http://bit.ly/1CeDqEA

Souverän! Wie Sie stark auftreten, auch wenn Sie sich nicht so fühlen http://bit.ly/1V1NPks

 

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