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Wie wir unseren eigenen Erfolg leben

Paul ist Ingenieur und jettet um die Welt. In vielen Ländern berät er Unternehmen zum Einsatz von komplexen Anlagen. Aber seit einem Jahr ist ihm der Job etwas verleidet, seit sein Chef zu ihm gesagt hat: „Ab sofort pushen Sie unser Aggregat XC45 was das Zeug hält!“ Leider passt das Aggregat zum Teil nur bedingt. Trotzdem muss Paul den Verkauf forcieren. Er macht das auch, kann sich aber selber dafür nicht leiden. Doch was soll er tun?
Solange er es tut, fliegt er weiter um die Welt, was er liebt, bekommt weiter Anerkennung vom Chef, verdient seinen Jahresbonus und sichert sich damit auch die Anerkennung seiner Familie. Typisches Dilemma?
Ja, wir leben alle mit solchen Dilemmata. Viele nehmen sie mit ins Grab, weil: „So ist der Job halt. Man kann nicht alles haben. Das gehört einfach dazu.“ Paul ist anderer Meinung. Er kommt ins Coaching. Ich frage ihn: „Warum sagen Sie dem Chef nicht mal die Meinung?“ Wie aus der Pistole geschossen antwortet er: „Sind Sie verrückt? Der macht mich rund!“  Ich frage ihn: „Wäre das für einen erwachsenen Mann so schlimm?“
Ja. Wie schon Kierkegaard sagte: „Der Mensch fürchtet am meisten, mit seiner Meinung allein zu sein.“ Die Furcht vor dem Verlust sozialer Anerkennung ist uns tief eingebrannt, hardwired, sagen die Neurobiologen. Denn im Neandertal bedeutete der Verlust des Wohlwollens der Sippe den sicheren Tod. Wer aus der Höhle verstoßen wurde, den fraß der Tiger draußen. Diese Furcht steckt uns immer noch in den Knochen, richtiger: In den Genen. Sie ist vererbt und wirkt daher völlig unbewusst. Was also tun?
Man macht sie sich bewusst. Damit verliert sie ihre Macht. Ich frage Paul „Für die Anerkennung von Chef, Partnerin und Kindern verraten Sie also Ihre Ideale?“ Paul schluckt schwer, weil er zum ersten Mal erkennt: Die Wahl zwischen Statuserfolg und persönlichem Erfolg ist kein Entweder-Oder („Ich schmeiß den Job hin!“ vs. „Ich buckle weiter bis ich tot umfalle.“). Sie ist ein sowohl als auch.
Nach zwei weiteren Sitzungen hat der junge Ingenieur diese Güterabwägung ganz gut drauf. Einem Kunden, zu dessen Anwendung das XC45 nicht wirklich passt, rät er zum XC20. Überraschung: Der Chef merkt das gar nicht! Ergo: kein Verlust sozialer Anerkennung! Die Umsatzeinbuße kann er durch den Abschluss eines Servicevertrages kompensieren.
Als er bei einem andere Kunden wieder in das gleiche Dilemma gerät, hilft ihm das Pain-Gain-Kalkül: „Was sehr belastet mich in diesem konkreten Fall ein Anraunzer vom Chef? Und wie sehr schmälert diese Belastung meine Zufriedenheit, die ich empfinde, wenn ich ehrlich berate?“ Paul sagt: „Solange der Zufriedenheitsgewinn größer ist als die Belastung durch den Anraunzer – solange bleibe ich mir selber treu!“ Klingt komplex?
Nein. Paul hatte dieses Kalkül nach insgesamt drei Sitzungen drauf. Es darf kein Reflex sein (Anpassung oder Trotz). Es sollte eine bewusste Wahlentscheidung sein. Es dauert eine Weile, bis wir diese Entscheidung auf wirklich jede der vielen Dutzend Situationen anwenden, in denen wir täglich versucht sind, unsere Ideale zu verraten. Aber diese Weile lohnt sich. Aus einem einfachen Grund. „Das höchste Glück ist die Persönlichkeit. Mit sich selbst eins zu sein“, so beschrieb das schon Goethe.
Übrigens: Pauls Chef kritisiert immer seltener. Er sagt: „Wie Sie mir manchmal die Stirn bieten – das passt mir nicht. Aber, Respekt, Sie haben Rückgrat. Und Sie bringen Ihre Zahlen.“
Das ist eine schöne Paradoxie: Wer freundlich, höflich und gut begründet seine Echtheit wahrt, verliert die soziale Anerkennung höchstens kurzfristig. Langfristig werden wir jedoch als aufrecht, authentisch, stark, „mit Rückgrat“ empfunden, respektiert und anerkannt.
Das wünsche ich Ihnen auch.

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