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Das ist Chuzpe!

Grad klagt mir ein Coaching-Klient, Mittelmanager: „Unser Geschäftsführer outsourct uns zu Tode! Früher, wenn mein Rechner mitten in der Tabelle abstürzte, habe ich unsere IT angerufen und die waren in zehn Minuten da. Heute muss ich mit Indien sprechen, die verstehen mich nicht, ich verstehe die nicht, vorbeischauen können die auch nicht, wir radebrechen mühsam 20 Minuten und mein Rechner läuft danach immer noch nicht!“ Kennen Sie?
Kennen wir alle inzwischen. In wirklich jedem größeren Unter-nehmen, in dem ich unterwegs bin, beklagen die mittleren und unteren Ebenen den Outsourcing-Koller. Immer mehr wird ausgelagert, die Wege werden immer länger, die Reaktionszeiten größer, man hat keinen Durchgriff mehr, oft nicht einmal einen Ansprechpartner. Wir werden zwar immer billiger, aber auch immer abhängiger, hilfloser, spezialisierter, entkernter, fremdgesteuerter, langsamer, unflexibler, umständlicher, bürokratischer. Dass das ein böses Ende nehmen wird, ist unterhalb der Vorstandsebene jedem klar. Ihnen auch? Was tun Sie dagegen?
Als Antwort höre ich häufig: „Der Einzelne hat keine Möglichkeit, sich zu wehren. Wenn das die Geschäftsleitung entscheidet, was soll man da machen?“ Nicht denselben Fehler wie der Chef! Wer sich abhängig macht, kommt in der Abhängigkeit um. Gewinn ist schön, Kosteneinsparungen auch – leider nur kurzfristig. Menschen, Manager und Unternehmen, die dagegen auch langfristig ein gutes, erfolgreiches, von Fremdbestimmung weitgehend freies Leben führen, schielen nicht einäugig auf den kurzfristigen Gewinn, sondern mit dem zweiten Auge auf Tugenden, die nachhaltiges Überleben und Erfolg sichern: Weitgehende Autonomie, selbstständiges Denken und Handeln, Vermeidung unnötiger Abhängigkeiten. Das ist nicht populär?
Gut erkannt. Man muss sich heutzutage schon heftig gegen die Versuchungen der Zeit abgrenzen können und wollen, um sich aus der Abhängigkeitsmode zu befreien. Man macht sich kurzfristig unbeliebt, wenn man sich gegen den Trend zur Unvernunft stellt. Viele ertragen diese Unbeliebtheit nicht: „Es ist falsch, aber von den Kollegen sagt auch keiner ein Wort, also …“ Viele trauen sich schlicht nicht: „Ich finde es nicht gut, aber ich halte lieber die Klappe.“ Manche haben Angst vor dem Risiko: „Es könnte ja auch schiefgehen – also lasse ich es lieber.“ Und so schwimmen sie mit in der Woge der Lemminge, immer auf die Klippe zu. Davor verspüren Sie eine innere Abscheu?
Gut für Sie. Sie wollen Ihr eigenes Leben leben, Ihr eigenes Ding durchziehen, selbstbestimmt bleiben. Das ist ein gutes Ziel, aber noch viel wichtiger: Die richtige Einstellung. Der erwähnte Manager hat sich damit aus der Abhängigkeit befreit. Er hat in der Nachbarabteilung einen IT-Crack aufgetan. Der bringt seinen Rechner jetzt fallweise wieder zum Laufen. Schnell und flexibel und: „Wenn andere gerne abhängig sind … Ich bin es nicht.“ Das ist Chuzpe. Der Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Dieser Mut wird belohnt. Dreifach. Zum ersten mit dem unmittelbaren Erfolg: Rechner läuft. Zum zweiten mit der Reduktion von Abhängigkeit. Und zum dritten durch die überragende Gewissheit: Ich lasse mich nicht fremdbestimmen. Ich lebe mein eigenes Leben, ich manage mein eigenes Ding.

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