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Wie blöd ist Vertrauen?

Muss man ein wenig blöd sein, wenn man ihnen heute noch vertraut – den Medien, dem Internet, den Politikern, dem Chef, dem Lebenspartner, den Institutionen und Behörden, dem Schicksal, den Banken, der Kirche …? Offensichtlich meinen viele das.

Denn wir leben im Zeitalter des galoppierenden Misstrauens. „Wir bewohnen ein Klima des Vertrauens, so wie wir in der Atmosphäre leben; wir nehmen es wahr wie die Luft, nämlich erst dann, wenn es knapp wird oder verschmutzt ist“, sagt Annette C. Baier, US-amerikanische Philosophin.

Genau diese Verknappung und Verschmutzung scheint derzeit um sich zu greifen. Das allgemeine Misstrauen wächst, wohin man schaut. Eine aktuelle Umfrage der ZEIT belegt: Nur noch 39 Prozent der Befragten haben großes bis sehr großes Vertrauen in die Medien. 60 Prozent haben wenig bis gar kein Vertrauen mehr in das, was sie täglich hören, lesen und in TV und Internet konsumieren. Erstaunlich daran ist nicht das exorbitante Ausmaß des Misstrauens. Erstaunlich ist vielmehr, dass wir nicht bemerkten wie wir den Ast abgesägt haben, auf dem wir sitzen. Der Verlust des Vertrauens ist nämlich keine Bagatelle. Er ist existenziell.

„Wenn man einem Menschen trauen kann, erübrigt sich ein Vertrag. Wenn man ihm nicht trauen kann, ist ein Vertrag nutzlos“, sagte Paul Getty. Und ein Verlagsmitarbeiter, mit dem ich den Vertrag für ein neues Buch aushandelte, meinte einmal: „Frau Topf, diese Verträge sind doch das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Zwingen Sie mal einen Autoren vor Gericht zum Liefern, wenn er behauptet, er habe eine Schreibhemmung.“

Ohne Vertrauen zerbrechen nach und nach die Säulen unserer Zivilisation; vom Vertragswesen bis zur Ehe. Ohne Vertrauensatmosphäre schützt uns kein zehn Kilo schweres Gesetzeswerk davor, aus dem geringsten Anlass heraus mit Karacho übern Tisch gezogen zu werden. Und trotzdem verweigern wir modernen Menschen einander und den Institutionen immer stärker dieses Vertrauen. Warum?

Niklas Luhmann ahnte es. Er nannte Vertrauen eine „riskante Vorleistung“. Deshalb wird überall Vertrauen eingefordert – aber nur selten geschenkt. Wer möchte in unseren unsicheren Zeiten schon das Risiko eingehen, in Vorleistung zu treten und dann enttäuscht zu werden? Andererseits: Blind zu vertrauen ist ebenso schädlich. Zwischen blankem Misstrauen und Vertrauensseligkeit die Waage zu halten ist ein anspruchsvoller Balance-Akt. Doch je öfter man sich in dieser Balance übt, per Coaching oder Do-it-yourself, je sicherer man beim Verteilen von „Vertrauensvorschuss“ wird, desto mehr lohnt sich das: Weil dann nämlich ungeheuer viel zurückkommt.

Es kommt Vertrauen zurück. Vertrauen folgt dem Prinzip der Reziprozität: Do ut des, wie das lateinische Sprichwort lautet, das Bismarck gerne zitierte. Ich gebe, damit mir gegeben wird. Das funktioniert. Tatsächlich. Nicht immer. Doch einzelne Ausnahmen sollten uns nicht davon abhalten, dieses Prinzip zu praktizieren: Wenn nämlich keiner sich bewegt, geht gar nichts mehr – siehe Griechenland und andere Patt-Konflikte.

Die Kunst besteht lediglich darin, nicht blind Vorschuss zu geben – dann ist man/frau nämlich tatsächlich der/die Doofe. Es geht darum, vor Vergabe des Vertrauensvorschusses zu prüfen: Besteht Aussicht darauf, dass mein Vertrauen belohnt und erwidert wird? Oder werde ich aller Voraussicht nach – wieder einmal – ausgenutzt werden? Diese Abwägung fällt uns umso leichter, je öfter und reflektierter wir sie im Kleinen trainieren. Vertrauen ist, obwohl doch eines unserer höchsten Güter, dann in der praktischen Umsetzung doch „nur“ wieder reine Trainingssache? Ja, in der Tat – vertrauen Sie mir.

 

 

 

 

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