Weiblicher Perfektionswahn

 „Typisch Frau“, murmeln die Kollegen, “will alles perfekt machen.”  Was war passiert? Der Abteilungsleiter hat seine Mitarbeiter gelobt: „80 % unserer Projekte laufen pünktlich zum Endtermin ein!“ Die versammelten Projektleiter nicken und lächeln erfreut. Eine der anwesenden Projektleiterinnen aber meint: „Warum können wir nicht alle Projekte pünktlich ins Ziel bringen?“  Oder: „Schatz, das Essen war super!“ – „Aber war die Suppe nicht ein wenig zu scharf?“

Geht’s noch? Warum wollen insbesondere Frauen immer perfekt sein?

Die so genannten Frauenzeitschriften suggerieren, dass Frau heute alles schaffen muss: Beruf, Beziehung, Kinder, Kochen, Haushalt, immer modisch gekleidet und attraktiv und gut im Bett. Eben: perfekt. Wenn einem dieser irrsinnige mediale Zeitgeist ständig um die Nase weht, ist es kein Wunder dass Frauen Gott spielen möchten – wobei der Allmächtige alles andere als perfekt ist. Schau sich doch bloß einer seine Schöpfung an: So charmant unperfekt!

Natürlich sind am weiblichen Perfektionismus nicht irgendwelche Zeitschriften schuld. Die könnten behaupten, was sie wollten – wenn wir es nicht glauben wollten. Doch wir glauben an die Perfektion. Warum? Weil sie uns Sicherheit gibt. Wir glauben, wenn wir perfekt wären, würden wir uns sicher, selbstbewusst, anerkannt und geliebt fühlen. Alles wäre gut, wenn alles perfekt wäre. Die perfekte Beziehung, das perfekte Leben verdienen nur perfekte Menschen. Das ist eine verständliche und sehr tröstliche Vorstellung. Ungefähr so tröstlich wie Alkohol: Wenn ich ihm zu sehr zuspreche, dann verkehrt sich seine erhoffte Wirkung ins Gegenteil.

Denn: Die ersehnte Zufriedenheit, das Selbstbewusstsein und die innere Ruhe stellen sich selbst im Augenblick des perfekten Triumphes nicht ein. Nicht wirklich und vor allem nicht nachhaltig. Warum nicht? Weil Perfektion Selbstablehnung bedeutet.

Wenn ich eine phantastische Erfolgsquote von 80 Prozent bemängele, dann sage ich unbewusst zu mir: „Ich akzeptiere dich nicht. Ich akzeptiere dich erst, wenn du … erfüllst.“ Wenn Ihnen das ein anderer sagen würde, wären Sie gekränkt. Und das zu Recht. Um wie viel kränkender ist es, sich das ständig (!) selbst zu sagen. Wer mit Perfektionismus sein Selbstwertgefühl zu stärken versucht, schwächt es. Wirkungsvoller als das der schlimmste Feind es tun könnte.

In der oben erwähnten Besprechung saß übrigens eine zweite Projektleiterin. Diese sagte hinterher im Kreis der KollegInnen: „Wahnsinn! 80 Prozent! Das freut mich jetzt. Das sag ich gleich meinem Team. Die haben sich dieses Lob von höchster Stelle verdient. Und die restlichen 20 Prozent schaffen wir auch noch!“ Das ist fast das Gleiche – aber eben nicht das Selbe. Hier freut sich jemand über das Erreichte und akzeptiert zugleich die begleiteten Fehler, Schwächen, Mängel. Das bedeutet Selbstwertgefühl: Ich akzeptiere mich in dem vielen Guten, das ich hinbekomme. Und in den ebenfalls vorhandenen Schwächen, die ich als gesunder normaler Mensch natürlich auch habe. Ich heiße meine Schwächen nicht gut. Aber ich nehme sie an und arbeite ehrlich daran. Wenn ich so mit mir umgehe, dann gewinne ich eine unvergleichliche innere Stärke und Authentizität. Der Perfektionismus verschwindet dann ganz von alleine. Weil eine starke Frau ihn nicht braucht.

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