Archiv für Januar, 2010

Realismus und Verdrängung

Mittwoch, 20. Januar 2010

Wir erleben die schlimmste Wirtschaftskrise seit 80 Jahren, das Klima spielt verrückt und unsere Kinder erben mit staatlicher Schuldenlast und Rentenkrise eine unsichere Zukunft. Und was machen wir? Weiter wie bisher.

Selbst eine Weltwirtschaftskrise und ein zerstörtes Klima lassen uns nicht in Panik und Hysterie verfallen. Wir sind cool und souverän. Oder eher lethargisch? Phlegmatisch? Leben wir noch oder verdrängen wir schon?

Wenn ich diese Frage stelle, bricht manchmal ein Sturm der Empörung aus: „Aber ich kann mich doch nicht über jedes Unglück aufregen!“ Ist das Gegenteil von Verdrängung = Aufregung? Gibt es zwischen Gleichgültigkeit und Panik nichts mehr? Wie wäre es mit realistischer Wahrnehmung?

Die Mutter, die sich über das Weltklima sorgt und dann den Autoschlüssel nimmt, um ihr Kind in den 200 Meter entfernten Kindergarten zu fahren, leidet nicht schwer. Aber sie leidet an Realitätsverlust. Sie beklagt etwas, das nicht mehr Teil ihrer Realität ist. Sie tut so, als ob „das Klima“ außerhalb ihres Haushalts existiert und durch sie nicht tangiert wird. Wenn sechs Milliarden Haushalte so denken, dann ist klar, dass sich an den Weltproblemen nichts ändert.

Etwas anderes ist aber auch klar: Wer unter Realitätsverlust leidet, kann nicht glücklich, menschlich oder auch nur erfolgreich werden/bleiben. Denn es gibt leider keine andere Realität als diese hier. Ich kann mir noch so lange einreden, dass es trotz Klimakrise egal ist, wenn ich wegen 200 Metern meine A-Klasse anlasse. Irgendwann belehrt mich der Klima-GAU eines Schlechteren.

Wobei das Klima nur ein Leidtragender von Realitätsverlust und Verdrängung ist. Der andere ist die Verdrängende selbst: Wer Teile der faktisch existierenden Realität oder seiner eigenen Persönlichkeit abspaltet oder verdrängt, wird täglich ein wenig unzufriedener, missgelaunter, gestresster, entfremdeter, fremdbestimmter, kraftloser. Weil es eine ungeheure Kraft kostet, diese verdrängten Teile unbewusst unter dem Teppich zu halten. Die Bibel hat recht, wenn sie sagt: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Verdrängen macht unfrei und schwächt. Also machen wir die Augen auf und erkennen wir.

„Soll ich denn ob der Ungerechtigkeit der Welt in pausenlosen Jammer ausbrechen?“, fragte mich mal eine Coachee. Ich sah es ihr nach: Wer zu lange verdrängt hat, stellt solche weltfremden Fragen. Das Gegenteil von Verdrängung ist ebenfalls nicht Hysterie. Es ist schlicht und einfach die achtsame Wahrnehmung: Das erkennen, was da ist. Das anerkennen, was da ist. Ohne Wenn und Aber.

Ich kann mich nicht erinnern, dass der Dalai Lama jemals die Augen vor dem Bösen in der Welt verschlossen hätte. Er rebelliert auch nicht ständig dagegen. Aber er nimmt alles, wirklich alles, was ihm seine Augen und Ohren melden, als das wahr, was es ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deshalb ist er in seinem hohen Altern noch so jugendhaft und kraftvoll. Weil Verdrängen schwächt. Integration stärkt. Und wer meint, dass mit „bloß wahrnehmen“ die Welt nicht zu retten ist, der verwechselt Ursache mit Wirkung. Oder wie Ignatio Silone sagte: „Man sollte die Welt so nehmen, wie sie ist. Aber nicht so lassen.“

Weiblicher Perfektionswahn

Freitag, 15. Januar 2010

 „Typisch Frau“, murmeln die Kollegen, “will alles perfekt machen.”  Was war passiert? Der Abteilungsleiter hat seine Mitarbeiter gelobt: „80 % unserer Projekte laufen pünktlich zum Endtermin ein!“ Die versammelten Projektleiter nicken und lächeln erfreut. Eine der anwesenden Projektleiterinnen aber meint: „Warum können wir nicht alle Projekte pünktlich ins Ziel bringen?“  Oder: „Schatz, das Essen war super!“ – „Aber war die Suppe nicht ein wenig zu scharf?“

Geht’s noch? Warum wollen insbesondere Frauen immer perfekt sein?

Die so genannten Frauenzeitschriften suggerieren, dass Frau heute alles schaffen muss: Beruf, Beziehung, Kinder, Kochen, Haushalt, immer modisch gekleidet und attraktiv und gut im Bett. Eben: perfekt. Wenn einem dieser irrsinnige mediale Zeitgeist ständig um die Nase weht, ist es kein Wunder dass Frauen Gott spielen möchten – wobei der Allmächtige alles andere als perfekt ist. Schau sich doch bloß einer seine Schöpfung an: So charmant unperfekt!

Natürlich sind am weiblichen Perfektionismus nicht irgendwelche Zeitschriften schuld. Die könnten behaupten, was sie wollten – wenn wir es nicht glauben wollten. Doch wir glauben an die Perfektion. Warum? Weil sie uns Sicherheit gibt. Wir glauben, wenn wir perfekt wären, würden wir uns sicher, selbstbewusst, anerkannt und geliebt fühlen. Alles wäre gut, wenn alles perfekt wäre. Die perfekte Beziehung, das perfekte Leben verdienen nur perfekte Menschen. Das ist eine verständliche und sehr tröstliche Vorstellung. Ungefähr so tröstlich wie Alkohol: Wenn ich ihm zu sehr zuspreche, dann verkehrt sich seine erhoffte Wirkung ins Gegenteil.

Denn: Die ersehnte Zufriedenheit, das Selbstbewusstsein und die innere Ruhe stellen sich selbst im Augenblick des perfekten Triumphes nicht ein. Nicht wirklich und vor allem nicht nachhaltig. Warum nicht? Weil Perfektion Selbstablehnung bedeutet.

Wenn ich eine phantastische Erfolgsquote von 80 Prozent bemängele, dann sage ich unbewusst zu mir: „Ich akzeptiere dich nicht. Ich akzeptiere dich erst, wenn du … erfüllst.“ Wenn Ihnen das ein anderer sagen würde, wären Sie gekränkt. Und das zu Recht. Um wie viel kränkender ist es, sich das ständig (!) selbst zu sagen. Wer mit Perfektionismus sein Selbstwertgefühl zu stärken versucht, schwächt es. Wirkungsvoller als das der schlimmste Feind es tun könnte.

In der oben erwähnten Besprechung saß übrigens eine zweite Projektleiterin. Diese sagte hinterher im Kreis der KollegInnen: „Wahnsinn! 80 Prozent! Das freut mich jetzt. Das sag ich gleich meinem Team. Die haben sich dieses Lob von höchster Stelle verdient. Und die restlichen 20 Prozent schaffen wir auch noch!“ Das ist fast das Gleiche – aber eben nicht das Selbe. Hier freut sich jemand über das Erreichte und akzeptiert zugleich die begleiteten Fehler, Schwächen, Mängel. Das bedeutet Selbstwertgefühl: Ich akzeptiere mich in dem vielen Guten, das ich hinbekomme. Und in den ebenfalls vorhandenen Schwächen, die ich als gesunder normaler Mensch natürlich auch habe. Ich heiße meine Schwächen nicht gut. Aber ich nehme sie an und arbeite ehrlich daran. Wenn ich so mit mir umgehe, dann gewinne ich eine unvergleichliche innere Stärke und Authentizität. Der Perfektionismus verschwindet dann ganz von alleine. Weil eine starke Frau ihn nicht braucht.