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Archiv für die Kategorie 'Frauen'

Weiblicher Perfektionswahn

Freitag, 15. Januar 2010

 „Typisch Frau“, murmeln die Kollegen, „will alles perfekt machen.“  Was war passiert? Der Abteilungsleiter hat seine Mitarbeiter gelobt: „80 % unserer Projekte laufen pünktlich zum Endtermin ein!“ Die versammelten Projektleiter nicken und lächeln erfreut. Eine der anwesenden Projektleiterinnen aber meint: „Warum können wir nicht alle Projekte pünktlich ins Ziel bringen?“  Oder: „Schatz, das Essen war super!“ – „Aber war die Suppe nicht ein wenig zu scharf?“

Geht’s noch? Warum wollen insbesondere Frauen immer perfekt sein?

Die so genannten Frauenzeitschriften suggerieren, dass Frau heute alles schaffen muss: Beruf, Beziehung, Kinder, Kochen, Haushalt, immer modisch gekleidet und attraktiv und gut im Bett. Eben: perfekt. Wenn einem dieser irrsinnige mediale Zeitgeist ständig um die Nase weht, ist es kein Wunder dass Frauen Gott spielen möchten – wobei der Allmächtige alles andere als perfekt ist. Schau sich doch bloß einer seine Schöpfung an: So charmant unperfekt!

Natürlich sind am weiblichen Perfektionismus nicht irgendwelche Zeitschriften schuld. Die könnten behaupten, was sie wollten – wenn wir es nicht glauben wollten. Doch wir glauben an die Perfektion. Warum? Weil sie uns Sicherheit gibt. Wir glauben, wenn wir perfekt wären, würden wir uns sicher, selbstbewusst, anerkannt und geliebt fühlen. Alles wäre gut, wenn alles perfekt wäre. Die perfekte Beziehung, das perfekte Leben verdienen nur perfekte Menschen. Das ist eine verständliche und sehr tröstliche Vorstellung. Ungefähr so tröstlich wie Alkohol: Wenn ich ihm zu sehr zuspreche, dann verkehrt sich seine erhoffte Wirkung ins Gegenteil.

Denn: Die ersehnte Zufriedenheit, das Selbstbewusstsein und die innere Ruhe stellen sich selbst im Augenblick des perfekten Triumphes nicht ein. Nicht wirklich und vor allem nicht nachhaltig. Warum nicht? Weil Perfektion Selbstablehnung bedeutet.

Wenn ich eine phantastische Erfolgsquote von 80 Prozent bemängele, dann sage ich unbewusst zu mir: „Ich akzeptiere dich nicht. Ich akzeptiere dich erst, wenn du … erfüllst.“ Wenn Ihnen das ein anderer sagen würde, wären Sie gekränkt. Und das zu Recht. Um wie viel kränkender ist es, sich das ständig (!) selbst zu sagen. Wer mit Perfektionismus sein Selbstwertgefühl zu stärken versucht, schwächt es. Wirkungsvoller als das der schlimmste Feind es tun könnte.

In der oben erwähnten Besprechung saß übrigens eine zweite Projektleiterin. Diese sagte hinterher im Kreis der KollegInnen: „Wahnsinn! 80 Prozent! Das freut mich jetzt. Das sag ich gleich meinem Team. Die haben sich dieses Lob von höchster Stelle verdient. Und die restlichen 20 Prozent schaffen wir auch noch!“ Das ist fast das Gleiche – aber eben nicht das Selbe. Hier freut sich jemand über das Erreichte und akzeptiert zugleich die begleiteten Fehler, Schwächen, Mängel. Das bedeutet Selbstwertgefühl: Ich akzeptiere mich in dem vielen Guten, das ich hinbekomme. Und in den ebenfalls vorhandenen Schwächen, die ich als gesunder normaler Mensch natürlich auch habe. Ich heiße meine Schwächen nicht gut. Aber ich nehme sie an und arbeite ehrlich daran. Wenn ich so mit mir umgehe, dann gewinne ich eine unvergleichliche innere Stärke und Authentizität. Der Perfektionismus verschwindet dann ganz von alleine. Weil eine starke Frau ihn nicht braucht.

Ertragen und schweigen ist das falsche Rezept!

Freitag, 30. Oktober 2009

Jetzt ist Marlies schon seit drei Jahren Abteilungsleiterin in einem Elektronikkonzern – und noch immer passiert ihr in fast jeder Präsentation folgendes: Alle hören zu, bis auf Meier. Meier hat ständig was zu kommentieren, zu meckern, anzumerken. Sachliche Gründe hat er dafür nicht. Dafür persönliche: Meier ist ein Mann und Marlies eine Frau. Und (viele) Männer akzeptieren nun mal keine Frau als Vorgesetzte. Obwohl das keiner zugeben würde. Die sagen das nicht offen. Die schießen verdeckt. Wie zum Beispiel bei Marlies’ Präsentationen. Frau hat ja keine Ahnung vom Fach.

Und wenn sie ausnahmsweise eine hat, dann sagt Meier großonkelhaft, wollwollend, herablassend: „Das haben Sie jetzt aber schön gesagt.“ Als ob er der Vorgesetzte wäre, der einer Assistentin Anerkennung ausspricht. Marlies kocht vor Wut. Seit drei Jahren. Das ist ein Fehler.
Ertragen und schweigen ist einfach das falsche Rezept gegen Männer, die was gegen Frauen haben.

Das habe ich Marlies jüngst auch im Coaching gesagt. Weil Marlies das schon wusste, haben wir dann das trainiert, woran es bei vielen Frauen hängt: Artikulation. Wir haben alternative Formulierungen ausprobiert. Wie in der Boutique: „Herr Meier, hier drin bin immer noch ich der Boss.“ Das war Marlies zu „herrisch“. „Wer hat Sie denn zum Abteilungsleiter befördert?“ Das mochte sie schon eher, traute sich aber die Ironie nicht ganz zu. „Gut, danke. Ich würde lieber etwas hören, das uns inhaltlich weiter bringt.“ Das nahm sie schließlich, weil es Meiers Ehrgeiz weckt mit der impliziten Botschaft: „Wenn du glaubst, besser zu sein als ich, dann zeig uns das doch mal!“ Am nächsten Tag rief Marlies an und kicherte am Telefon.

„Der Meier war erst mal richtig platt und hat gar nichts mehr gesagt. Ich glaube, der hat endlich kapiert, dass ich das nicht mehr mit mir machen lasse.“ Männer sind wie Regen. Wenn es anfängt, dann spannt frau mit aller Selbstverständlichkeit den Schirm auf. Und geht weiter ihren Weg.