Archiv für die Kategorie 'Coaching'

Hol Dir, was Du brauchst!

Donnerstag, 18. Februar 2010

Eben hatte ich eine Coachee, Mutter, Wiedereinsteigerin, die eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Job ist: gutes Gehalt, gute Perspektive, Arbeitsplatzsicherheit. Sie wollte ihr Verhandlungsgeschick etwas aufpolieren, wir investierten eine Stunde und kurz vor dem Rausgehen sagte sie noch: „Ja, der Job ist ganz gut. Aber ich bin schon ein wenig enttäuscht, wie wenig Anerkennung ich bekomme.“ Ich meinte darauf: „Ja, Anerkennung ist selten im Job. Dabei machen Sie auf mich einen sehr kompetenten Eindruck. Und verhandeln können Sie auch ziemlich gut.“ – „Ach“, meinte sie. „So toll ist das nicht. Sonst wäre ich ja nicht ins Coaching gekommen.“
Da wusste ich, warum sie so „wenig Anerkennung“ bekommt: Sie nimmt sie nicht wahr. Zumindest meine nicht. Schlimmer: Sie lehnt sie ab. Das wird sie bei der Karriere ziemlich behindern. Wenn ich den Abteilungs- und Bereichsleiterinnen, die ich kenne, dasselbe Kompliment gemacht hätte, hätten die gesagt: „Danke, ja, auf mein Verhandlungsgeschick bin ich schon stolz.“ Das klingt selbstbewusst? Ist es auch. Diese Frauen sind nicht deshalb so selbstbewusst, weil sie Abteilungsleiterinnen sind. Die sind Abteilungsleiterinnen, weil sie so selbstbewusst sind. Selbstbewusste Frauen machen sich nicht klein. Sie lehnen kein Kompliment ab und sei es noch so klein oder selten. Besser noch: Sie fordern Anerkennung ein! Wenn der Chef nicht sagt, wie zufrieden er ist, fragen sie selber nach. Warum machen die das? Weil sie zu ihren Bedürfnissen stehen. Sie verdrängen ihren Wunsch nach Anerkennung nicht. Sie leben ihn aus. Und zwar so, dass er erfüllt wird. Ist das nicht schön? Wer sich um sich selbst kümmert, kriegt nicht nur, was sie will. Sie macht auch noch Karriere.

Realismus und Verdrängung

Mittwoch, 20. Januar 2010

Wir erleben die schlimmste Wirtschaftskrise seit 80 Jahren, das Klima spielt verrückt und unsere Kinder erben mit staatlicher Schuldenlast und Rentenkrise eine unsichere Zukunft. Und was machen wir? Weiter wie bisher.

Selbst eine Weltwirtschaftskrise und ein zerstörtes Klima lassen uns nicht in Panik und Hysterie verfallen. Wir sind cool und souverän. Oder eher lethargisch? Phlegmatisch? Leben wir noch oder verdrängen wir schon?

Wenn ich diese Frage stelle, bricht manchmal ein Sturm der Empörung aus: „Aber ich kann mich doch nicht über jedes Unglück aufregen!“ Ist das Gegenteil von Verdrängung = Aufregung? Gibt es zwischen Gleichgültigkeit und Panik nichts mehr? Wie wäre es mit realistischer Wahrnehmung?

Die Mutter, die sich über das Weltklima sorgt und dann den Autoschlüssel nimmt, um ihr Kind in den 200 Meter entfernten Kindergarten zu fahren, leidet nicht schwer. Aber sie leidet an Realitätsverlust. Sie beklagt etwas, das nicht mehr Teil ihrer Realität ist. Sie tut so, als ob „das Klima“ außerhalb ihres Haushalts existiert und durch sie nicht tangiert wird. Wenn sechs Milliarden Haushalte so denken, dann ist klar, dass sich an den Weltproblemen nichts ändert.

Etwas anderes ist aber auch klar: Wer unter Realitätsverlust leidet, kann nicht glücklich, menschlich oder auch nur erfolgreich werden/bleiben. Denn es gibt leider keine andere Realität als diese hier. Ich kann mir noch so lange einreden, dass es trotz Klimakrise egal ist, wenn ich wegen 200 Metern meine A-Klasse anlasse. Irgendwann belehrt mich der Klima-GAU eines Schlechteren.

Wobei das Klima nur ein Leidtragender von Realitätsverlust und Verdrängung ist. Der andere ist die Verdrängende selbst: Wer Teile der faktisch existierenden Realität oder seiner eigenen Persönlichkeit abspaltet oder verdrängt, wird täglich ein wenig unzufriedener, missgelaunter, gestresster, entfremdeter, fremdbestimmter, kraftloser. Weil es eine ungeheure Kraft kostet, diese verdrängten Teile unbewusst unter dem Teppich zu halten. Die Bibel hat recht, wenn sie sagt: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Verdrängen macht unfrei und schwächt. Also machen wir die Augen auf und erkennen wir.

„Soll ich denn ob der Ungerechtigkeit der Welt in pausenlosen Jammer ausbrechen?“, fragte mich mal eine Coachee. Ich sah es ihr nach: Wer zu lange verdrängt hat, stellt solche weltfremden Fragen. Das Gegenteil von Verdrängung ist ebenfalls nicht Hysterie. Es ist schlicht und einfach die achtsame Wahrnehmung: Das erkennen, was da ist. Das anerkennen, was da ist. Ohne Wenn und Aber.

Ich kann mich nicht erinnern, dass der Dalai Lama jemals die Augen vor dem Bösen in der Welt verschlossen hätte. Er rebelliert auch nicht ständig dagegen. Aber er nimmt alles, wirklich alles, was ihm seine Augen und Ohren melden, als das wahr, was es ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deshalb ist er in seinem hohen Altern noch so jugendhaft und kraftvoll. Weil Verdrängen schwächt. Integration stärkt. Und wer meint, dass mit „bloß wahrnehmen“ die Welt nicht zu retten ist, der verwechselt Ursache mit Wirkung. Oder wie Ignatio Silone sagte: „Man sollte die Welt so nehmen, wie sie ist. Aber nicht so lassen.“

Ertragen und schweigen ist das falsche Rezept!

Freitag, 30. Oktober 2009

Jetzt ist Marlies schon seit drei Jahren Abteilungsleiterin in einem Elektronikkonzern – und noch immer passiert ihr in fast jeder Präsentation folgendes: Alle hören zu, bis auf Meier. Meier hat ständig was zu kommentieren, zu meckern, anzumerken. Sachliche Gründe hat er dafür nicht. Dafür persönliche: Meier ist ein Mann und Marlies eine Frau. Und (viele) Männer akzeptieren nun mal keine Frau als Vorgesetzte. Obwohl das keiner zugeben würde. Die sagen das nicht offen. Die schießen verdeckt. Wie zum Beispiel bei Marlies’ Präsentationen. Frau hat ja keine Ahnung vom Fach.

Und wenn sie ausnahmsweise eine hat, dann sagt Meier großonkelhaft, wollwollend, herablassend: „Das haben Sie jetzt aber schön gesagt.“ Als ob er der Vorgesetzte wäre, der einer Assistentin Anerkennung ausspricht. Marlies kocht vor Wut. Seit drei Jahren. Das ist ein Fehler.
Ertragen und schweigen ist einfach das falsche Rezept gegen Männer, die was gegen Frauen haben.

Das habe ich Marlies jüngst auch im Coaching gesagt. Weil Marlies das schon wusste, haben wir dann das trainiert, woran es bei vielen Frauen hängt: Artikulation. Wir haben alternative Formulierungen ausprobiert. Wie in der Boutique: „Herr Meier, hier drin bin immer noch ich der Boss.“ Das war Marlies zu „herrisch“. „Wer hat Sie denn zum Abteilungsleiter befördert?“ Das mochte sie schon eher, traute sich aber die Ironie nicht ganz zu. „Gut, danke. Ich würde lieber etwas hören, das uns inhaltlich weiter bringt.“ Das nahm sie schließlich, weil es Meiers Ehrgeiz weckt mit der impliziten Botschaft: „Wenn du glaubst, besser zu sein als ich, dann zeig uns das doch mal!“ Am nächsten Tag rief Marlies an und kicherte am Telefon.

„Der Meier war erst mal richtig platt und hat gar nichts mehr gesagt. Ich glaube, der hat endlich kapiert, dass ich das nicht mehr mit mir machen lasse.“ Männer sind wie Regen. Wenn es anfängt, dann spannt frau mit aller Selbstverständlichkeit den Schirm auf. Und geht weiter ihren Weg.