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Archiv für die Kategorie 'Angst'

Angst. Riesenthema. Riesentabu.

Donnerstag, 21. April 2016

Wir alle haben hin und wieder Angst „es nicht zu schaffen“, uns vor Vorgesetzten oder Kunden zu blamieren, eine Präsentation oder ein Projekt zu versieben, ein heikles Gespräch zu führen. Belastend wird die Angst, wenn sie immer wiederkehrt.

Wie bei Gerald.
Er ist 43, Abteilungsleiter, sehr erfolgreich. Sein Chef ist visionär, innovativ  und bringt das Unternehmen voran. Gerät er jedoch selber unter Druck (sprich: Versagens-, Existenz- oder Statusverlustangst), kann er ausfallend werden. Und zwar richtig. „Es sind schon gestandene Bereichsleiter nach Meetings mit ihm heulend auf dem Klo gesessen“, berichtet Gerald.
Wie reagiert das Management-Team auf diesen chronischen Stressor? Mit Angst. Keiner traut sich, den Chef darauf anzusprechen. Das ist nur allzu menschlich: „Nach dem akuten Stress ist man nur froh, es überstanden zu haben und will auch nicht mehr analysieren“, sagt Maria Sohr, Prozessbegleiterin in Augsburg http://maria-sohr-klaerungshilfe.de/. Sie coacht viele außergewöhnliche Menschen. Wie Gerald.
Außergewöhnlich deshalb, weil er im Gegensatz zu den meisten von uns nicht akzeptiert, dass Angst bei der Arbeit inzwischen als „normal“ gilt. Geralds Motivation ist ganz einfach.
Er sagt „So will ich nicht mehr arbeiten!“ und geht zur Prozessbegleitung, zum Coaching, zur Angstlösung – wie immer man das nennen mag. Das ist ungewöhnlich. Wir alle haben uns bereits so an den „Stress am Arbeitsplatz“ gewöhnt, dass die meisten von uns noch nicht einmal auf den Gedanken kommen, dass man/frau etwas dagegen tun kann. Eigentlich verrückt: Wir haben uns an ein Leben in Angst gewöhnt. Das ist beunruhigend. Warum tun wir so etwas Selbstschädigendes?
Weil die Angst zwar trivial erscheint: „Warum sage ich dem Chef nicht die Meinung? Bei übergriffigen Kunden traue ich mich doch auch!“ Aber hinter diesem trivialen Widerspruch verbergen sich so viele Gedanken und Gefühle! „Da es sich um eine Vielzahl von miteinander verwirrten Gedanken und Gefühlen handelt, empfinden das viele als zu anstrengend“, sagt Maria Sohr. „Hauptsächlich deshalb, weil sie keine gute Vorgehensweise kennen, es vielleicht nie richtig gelernt haben, ihre Gedanken und Gefühle zu entwirren.“ Das kann man/frau wunderbar im Coaching machen.
Manche Menschen können das auch selber! Wenn man eben diese Vorgehensweisen kennt. Anstatt sich jahrelang unproduktiv zu fragen: „Aber warum traust du dich das denn nicht?“ könnte man sich zum Beispiel fragen: Was genau befürchte ich? Und was würde der Worst Case für mich bedeuten? Was würde ich in dieser Situation lieber tun? Was wäre dafür nötig? Welche Gedanken leiten mich in die Angst? Und welche würden mir mehr nützen?
Maria Sohr: „Allein das genauere Betrachten der Angst bringt schon sehr viel.“ Denn genau das machen wir normalerweise nicht. Wir ärgern uns über die Angst, bagatellisieren oder intellektualisieren sie, schämen uns, verdrängen sie oder werden aggressiv. Aber wir schauen ihr selten so genau ins Gesicht, dass wir erkennen, was hinter ihr steckt. Warum das?
Weil Angst ein sehr unangenehmes Gefühl ist. Deshalb sind wir froh, „wenn der Stress vorüber ist“. Dann möchten wir das Ganze schnellstmöglich vergessen. Wir vergessen dabei leider auch: Es gibt eine Gedanken- und Gefühlsregulierung. Man kann Gefühle und Gedanken nicht kontrollieren (also unterdrücken). Aber man kann sie regulieren. So weit, dass man/frau seiner Angst furchtlos ins Auge schauen kann. Das einfachste Rezept dazu haben Sie eben kennengelernt. Alles, was mich unbewusst emotional oder gedanklich belastet, verliert viel von seiner Belastung, sobald ich es ganz bewusst betrachte und stimmig benenne. Bewusste, detaillierte Wahrnehmung reguliert Gedanken und Gefühle.
Gerald sagte bislang: „Fühlt sich einfach mies an, wenn der Chef mich so zur Schnecke macht!“ Das ist eine Wertung, keine Beschreibung seiner Emotion. Deshalb fühlt sich das weiter „mies“ an. Im Coaching hat er gelernt, präziser zu beschreiben: „Mir zieht sich der Magen zusammen und im Nacken kribbelt es wie Elektrizität, wenn er so rumbrüllt“ – und allein durch diese exakte Bewusstwerdung nimmt die Belastung durch das Gefühl ab. Die Angst weicht, wenn sie genau genug wahrgenommen wird. Deshalb hat Gerald endlich auch den Mund aufgemacht.
Als der Chef wieder einmal ausfällig wird, sagt Gerald bestimmt und höflich (wie im Coaching beim Rollenspiel geübt): „Chef, bei allem Respekt: So möchte ich nicht angesprochen werden!“ Und als der Chef einfach nicht damit aufhören kann (weil seine Angst ihn noch im Griff hat), verlässt Gerald die Besprechung. Seither hat er keine Angst mehr vor den Ausfällen des Chefs. Die KollegInnen bewundern seinen Mut. Seither geht der Chef auch vorsichtiger und respektvoller mit Gerald um. Angst ist keine Option.
Oder wie ein spanisches Sprichwort sagt: „Ein Leben in Angst ist nur ein halbes Leben.“
Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns nicht mit einem halben Leben zufrieden geben.