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Archiv für die Kategorie 'Klappe halten'

Warum wir aufhören müssen, Introvertiertheit als Schwäche zu sehen

Mittwoch, 25. Mai 2016

Von Edie Calie

Mai 23, 2016

Vor einem Jahr bot mir meine ehemalige Chefin eine Beförderung an. Sie sagte: „Du müsstest allerdings etwas mehr aus dir rauskommen und weniger introvertiert sein.“ Bis dato hatte mich noch nie jemand introvertiert genannt und ich selbst hätte mich sofort als extrovertiert charakterisiert. Vielleicht kannte sie mich nach acht Jahren nur noch nicht gut genug. Da ich den Job hasste, lehnte ich ab und kündigte.

Das Wort „introvertiert“ nahm ich mit und dachte darüber nach. Natürlich verhält man sich in der Arbeit anders als privat, ich war definitiv ruhiger und zurückgezogener als unter FreundInnen. Aber war ich deswegen introvertiert? Und würde man so was nicht wissen?urz darauf stieß ich auf den TED-Talk von Susan Cain mit dem Titel The Power of Introverts, und war überrascht, wie sehr sie mir aus der Seele sprach und wie wenig ich mir meiner Bedürfnisse bewusst war.

Die Begriffe Introversion und Extraversion führte C.G. Jung Anfang des 20. Jahrhunderts in die Persönlichkeitspsychologie ein. Introvertiert bedeutet nach innen gewandt, extrovertiert (oder auch extravertiert) nach außen gewandt. Obwohl die Modelle der Persönlichkeitspsychologie komplexer sind und mehr als diese zwei Faktoren beinhalten, gelten sie nach wie vor als wesentliche Eigenschaften von Menschen, die sich im Laufe des Lebens nur wenig ändern. Sylvia Löhken schreibt in ihrem Buch Intro, Extro oder Zentro?, wie die Unterschiede im Gehirn nachgewiesen werden können. „Extros sind stärker vom Sympathikus, Intros stärker vom Parasympathikus geprägt. Deshalb brauchen Extros tendenziell mehr aktives Handeln und Anregung, Intros dagegen Reflexion und Ruhe.“

Extrovertierte gehen mehr Risiken ein, lassen sich schneller mitreißen und begeistern, stellen sich schneller auf Neues ein und werden ohne lange zu überlegen aktiv. Sie richten ihre Kraft nach außen, sind spontaner, ändern schneller ihre Strategien, kommunizieren lieber mündlich und sind bereit, heikle Themen und Probleme anzusprechen. Auf der anderen Seite sind sie auch leichtsinniger, beschäftigten sich häufig nur flüchtig mit Menschen und Dingen, langweilen sich schneller, wenn Eindrücke ausbleiben, setzen sich häufiger auf Kosten anderer in Szene, reagieren in schwierigen Situation aggressiver, sind impulsiver, konzentrieren sich schwerer und vermeiden es, alleine zu sein.

Introvertierte sind vorsichtiger, streben mehr nach Bedeutung und Tiefgang im Denken und Kommunizieren, bleiben länger bei einer Sache, hören besser zu, benötigen mehr Ruhe, denken analytischer und planen strukturierter. Sie sind autonomer, kommunizieren lieber schriftlich und versetzen sich leichter in andere hinein. Dafür ist ihr Handeln öfter von übertriebener Vorsicht blockiert, sie verlieren sich leichter in Einzelheiten, sind schneller von Eindrücken überfordert, verharren in Situationen, auch wenn dies negative Auswirkungen für sie hat, ziehen sich schneller zurück, überschätzen den Verstand, verleugnen eher ihre eigenen Merkmale und Bedürfnisse, sind mehr auf Gewohnheiten angewiesen, vermeiden Kontakte, weshalb sie sich in die Gefahr sozialer Isolation begeben und scheuen Konflikte.

Und nach der Arbeit geht es weiter, beim gemütlichen informellen Beisammensein. Dabei ist dies für Introvertierte häufig alles andere als gemütlich und bedeutet zusätzlichen Stress.

Das sind nur ein paar Punkte, in denen sich Intro- und Extrovertierte unterscheiden, die nicht zwingend auf alle zutreffen. Die eigene Persönlichkeit ist in der Regel zwischen diesen zwei Polen verortet. Sylvia Löhken schlägt zusätzlich die Bezeichnung zentrovertiert vor, für all jene, die „zur Mitte gewandt“ sind. Geläufiger ist jedoch ambivertiert, was all jenen Menschen Rechnung trägt, die zu beiden Seiten gewandt sind, je nach Situation.

Es ist also nicht unüblich, im Privatleben extrovertiert und in der Arbeit introvertiert zu sein, oder umgekehrt. Ein Beispiel dafür ist Psychologieprofessor Brian Little, der in Harvard unterrichtet und auf Grund seiner extrovertierten, unterhaltsamen Vortragsart mehrmals zum beliebtesten Professor gewählt wurde. In seinem TED-Talk zum Themaoffenbart er, dass er so introvertiert ist, dass er sich im Anschluss an seine Vorlesungen vor den Studenten auf dem Herrenklo versteckt. Er benötigt Zeit für sich, um Energie aufzutanken und sich zu sammeln. Er will einfach mit niemandem reden. Die Fähigkeit, trotzdem ein guter Redner zu sein, bezeichnet er als „to act out of character“. Das wenden alle von uns an, wenn es notwendig ist und uns eine Sache wirklich wichtig ist.

Was uns zu der vielleicht wichtigsten Frage an der Sache bringt: Wo ist dann das Problem? Es ist kein Geheimnis, dass Menschen unterschiedliche Persönlichkeiten, Schwächen und Stärken haben. Trotzdem nimmt unsere Gesellschaft, die ungefähr zur Hälfte aus Extro- und zur Hälfte aus Introvertierten besteht, darauf wenig Rücksicht. Diversität in dieser Angelegenheit gibt es in der öffentlichen Meinung nicht.

„Der Stil unserer Zeit ist extravertiert“, schreibt Peter Lauster in seinem BuchSelbstbewusstsein. Sensibel bleiben, selbstsicher werden. „Die meisten Menschen leben nach außen. Sie suchen Reize, Geselligkeit, Zeitstil Abwechslung, stürzen sich in Aktivitäten und Betriebsamkeit. Auch die wichtigsten angestrebten Werte dienen der Wirkung nach außen: Auto, Kleidung, Möbel, Urlaub, Kosmetik. Man lebt nach außen, will wirken, sich durchsetzen, konsumieren und genießen.“

Zusätzlich wird ein ständiges Miteinander gefordert. In der Schule müssen immer mehr Aufgaben zusammen, in Gruppenarbeiten, erledigt werden.Das setzt sich an der Uni fort und schließlich landet man in einem Großraumbüro ohne Rückzugsmöglichkeit. Networking, Vernetzung, Austausch sind die Schlagworte unserer Gesellschaft. Wehe, wenn wer in Ruhe und alleine arbeiten will.

Und nach der Arbeit geht es weiter, beim gemütlichen informellen Beisammensein. Dabei ist dies für Introvertierte häufig alles andere als gemütlich und bedeutet zusätzlichen Stress.

Die Bedürfnisse von Introvertierten werden dabei häufig übergangen. Nach wie vor gelten sie als Problemfälle, besonders im Kindesalter, und werden als Außenseiter gesehen, die schüchtern und asozial sind. Wer nicht laut genug schreit und schnell reagiert, wird übergangen. So schreibt Löhken, dass Introvertierte in Diskussionen mehr Faktoren bedenken und miteinbeziehen, aber genau deshalb mit ihren Ideen häufig zu spät einsteigen. Aufgrund solcher Vorgehensweisen bleiben womöglich wertvolle Lösungsvorschläge ungehört; statt der besten werden nur die schnellsten Antworten verfolgt.

Zahlreiche Ratgeber erklären Introvertierten, wie sie sich in einer extrovertierten Welt Gehör verschaffen, Präsenz zeigen und erfolgreich sind. Gleichzeitig nähren sie die Klischees der Hochsensibilität und Hochbegabung, obwohl Intelligenz nicht an Intro- oder Extraversion gekoppelt ist. Anscheinend sind es die Introvertierten, die sich anzupassen haben, wenn sie etwas erreichen wollen.

Dem widerspricht Cornelia Topf in ihrem Buch Einfach mal die Klappe halten. Die Kommunikationsexpertin, die sich in einem persönlichen Telefonat als extrovertiert und redselig entpuppt, sieht gerade in der Ruhe und im Schweigen ungenutzte Chancen. „Schweigen als Kommunikationsmittel ist weitgehend unbekannt und wird dramatisch unterschätzt, eben weil es viele nicht können und daher Angst davor haben“, sagt sie.

Dass der fehlende Input zu Langeweile auf Seiten der Extrovertierten führen könnte, bezweifelt sie. Vielmehr wäre es für beide Seiten spannend. „Und selbst wenn es langweilig wäre, was ist so schlimm daran? Klagen wir nicht ständig über zu viel Workload, Lärm, Belastung? Schweigen kann auch eine gute Gelegenheit sein, endlich mal zu verlangsamen, runterzukommen. Insbesondere Introvertierte sind dankbar, wenn von ihnen nicht erwartet wird, dass sie sich äußern und ihr Schweigen vorbehaltlos akzeptiert wird.“

Das heißt natürlich nicht, dass wir uns in Zukunft nur noch anschweigen sollen, sondern ist als Plädoyer für qualitative Gespräche anzusehen. Einander zuhören, weniger Worte verwenden, die durch Schweigen Gewicht bekommen, statt ununterbrochene Geräuschkulisse um den eigenen Status auszufechten.

Sowohl die Zusammenarbeit mit anderen als auch die Autonomie sollten gefördert werden. Weder Extrovertierte noch Introvertierte sind per se besser oder wurden von der Evolution bevorzugt. Die Gesellschaft könnte von den Vorteilen beider Gruppen profitieren. „Miteinander ja, aber nicht um jeden Preis“, wie Cornelia Topf sagt.

Edie Calie auf Twitter: @ediecalie

Lass mich bloß in Ruhe!

Mittwoch, 13. April 2016

Ein Tabuthema: Übergriffige KollegInnen.
Danielle hat drei davon. Jede Stunde einmal kommt einer von ihnen in ihr Büro und sagt Sachen wie: „Da hast du schon wieder einen Fehler gemacht!“, „Du setzt die falschen Prioritäten.“, „So kannst du das unmöglich machen!“ Was bilden die sich ein? Danielle ist empört. Und total gestresst, weil das seit Monaten so geht. Dabei ist sie High Potential.
Der Chef fördert sie aktiv und hat ihr eine Führungsposition in Aussicht gestellt. Fachlich ist sie erste Sahne. Kann sich artikulieren, hat hohe Sozialkompetenz, ist bei allen beliebt – mit Ausnahme der drei Übergriffigen. Die haben es auf sie abgesehen. Eine(r) schießt immer quer? Das gehört zum Job? Das ist schlicht der Wahnsinn der Normalität? Das mag man so sehen. Ich halte diese Sichtweise für unmenschlich, effizienzvernichtend und firmenschädigend. Denn Danielle will das Unternehmen verlassen. Deshalb kommt sie ins Coaching.
Danielle hat erkannt „Wenn ich wechsle, nehme ich das Problem vielleicht mit. Ich kann mit übergriffigem Verhalten einfach nicht umgehen. Das möchte ich ändern. Wie mache ich das?“ Mit Abgrenzungsfähigkeit, im Amerikanischen bekannt als Assertiveness.
Danielle hat schon richtig vermutet: Sie hat auch einen Problemanteil. Zum Beispiel ihre Haltung. Bei jedem Übergriff nimmt sie eine (untergeordnete) Fragehaltung an, zum Beispiel:
„Da hast du ja mal wieder schönen Mist gebaut!“
„Wieso? Was stimmt nicht?“
Und schon doziert der Kollege zehn Minuten über Dinge, die Danielle längst klar sind. Aber Danielle fällt immer wieder darauf herein – eben weil sie nicht klarmachen kann, dass ihr das alles längst klar ist. Es dauert eine ganze Sitzung, ihr Dialogverhalten diesbezüglich umzustellen. Am Ende der Stunde – ich übernehme die Rolle des Übergriffigen – hat sie das drauf:
„Das ist ja wieder grottenfalsch!“
Danke für den Hinweis. Ich kümmere mich darum.“
„Aber du weißt doch gar nicht, was ich meine.“
„Doch, weiß ich. Wird erledigt.“
„Aber du hast noch gar nicht die Konsequenzen begriffen!“
Habe ich. Danke für den Hinweis. Außerdem: Jetzt nicht, es ist gerade ungeschickt. Wenn ich noch was brauche, komme ich heute Nachmittag auf dich zu.

 

Ende der Diskussion, Blick wieder zum Bildschirm, Schweigen. Danielle schreibt im Coaching eine Menge Mustersätze mit, mit denen sie ihr Schweigen einleiten kann, Führung im Gespräch übernehmen möchte. Begeistert ist sie davon nicht. Richtiger: Es fühlt sich für sie ungewohnt an.

Deshalb lautet Danielles „Hausaufgabe“ auch: Üben. Bis aus den ungewohnten Sätzen gewohnte Verhaltensmuster werden. Und zwar Üben in blamagefreien Kontexten: in der Familie, unter Freunden, in der Beziehung, im Verein. Einfach mal Nein sagen bei etwas, zu dem man auch gut und gerne Ja sagen könnte. Einfach mal ausprobieren. Immer mal wieder. Bis es vertraut wird. Und dabei beobachten.
Nach innen beobachten: Was kommt dabei hoch, wenn ich mich abgrenze, wenn ich mich selbstbestimmt artikuliere, wenn ich das sage, was mir gut tut? Meist sind es Gedanken und Gefühle wie: Das darfst du nicht! Das gehört sich nicht! Die sind viel schlauer als du! Der ist jetzt bestimmt sauer auf dich!
Diese Gedanken und Gefühle bitte ernst nehmen! Das heißt: Sich mit ihnen unterhalten. Zum Beispiel: „Okay, vielleicht ist er nach meinem Nein ein bisschen sauer auf mich. Halte ich das bisschen aus?“ Hilfreich ist auch die Erkenntnis, dass sich hinter jeder Abgrenzungsschwäche die Angst vor dem Verlust sozialer Anerkennung versteckt: „Wenn ich Nein sage, hat er/sie mich nicht mehr lieb!“ Dann kann man sich fragen: Muss ich Anerkennung unbedingt von diesem Menschen bekommen? Kann ich sie mir nicht woanders suchen? Im Detail hilft auch Achtsamkeit, Mindfulness.
Denn viele halten selbst die kleinste soziale Ablehnung geradezu körperlich nicht aus. Es tut einfach zu weh. Das ist nicht logisch, aber psychologisch. Manche Menschen spüren seelischen Schmerz einfach heftiger als andere. Deshalb sagen sie Ja, wo sie Nein sagen sollten. Weil der Schmerz eines Neins zu heftig wäre – für sie. Genau hier hilft Achtsamkeit; die Amerikaner sagen dazu: How to sit with painful emotions. Wie man schmerzhafte Gefühle aushält. Wie?
Indem man sie so detailliert und körperzentriert wie nur möglich „benamst“, zum Beispiel: „Aha, so fühlt es sich also an, wenn ich Nein sage und vermute, dass der andere sauer ist. Interessantes Gefühl. Drückt auf den Magen. Und etwas schwummerig im Kopf ist mir auch dabei.“ Das ist Achtsamkeit. Der Clou: Sie reduziert die emotionale Belastung umso drastischer, je öfter Sie das üben. Das kann man übrigens immer. Zum Beispiel jetzt. Was fühlen Sie? Wo? Wie? Wie heißt das? Passt der Name?
Abgrenzung ist nicht nur Danielles Problem. Es ist das Problem unserer Zeit. Arbeitsüberlastung, Stress, Unzufriedenheit, Rastlosigkeit, mangelnde Anerkennung und Burnout sind in letzter Konsequenz auch „nur“ versäumte Abgrenzungsaufgaben. Wir tun, was sich gut anfühlt, anstatt dessen, was gut für uns ist.
Natürlich sollte man nun nicht ins andere Extrem verrutschen und sich mit aller Macht abgrenzen: „Ach geh doch hin wo der Pfeffer wächst und lass mir meine Ruhe!“ (Es sei denn, man möchte wirklich mal mit der Faust auf den Tisch hauen.) Doch auch das ist reine Übungssache: Hart in der Sache, freundlich zur Person.
An den Arbeitsplätzen der Menschen führe ich oft gedanklich Strichliste. Und in einer ruhigen Minute frage ich dann: „Ich habe in den letzten zehn Minuten fünf Gelegenheiten zur Abgrenzung bemerkt, die Sie nicht wahrgenommen haben. Sie beklagen sich über Stress, mangelnde Anerkennung und Erfolgsdruck. Sie sagen, Sie können sich ganz gut durchsetzen. Aber Sie tun es nicht.“
Könnte es sein, dass Ihnen das nötige Training fehlt?

Buchtipps:

Einfach mal die Klappe halten – warum Schweigen besser ist als Reden http://bit.ly/1CeDqEA

Souverän! Wie Sie stark auftreten, auch wenn Sie sich nicht so fühlen http://bit.ly/1V1NPks

 

Schweigen ist Stärke

Donnerstag, 18. Juni 2015

Was machen Sie, wenn Ihnen jemand etwas vorwirft, Ihnen komisch kommt, Sie von der Seite anquatscht?
Welche Frage! Natürlich: Man/frau wehrt sich! Natürlich?

Da schweigt eine Angeklagte vor Gericht – seit zwei Jahren. Im NSU-Prozess. Warum? Wozu? Die forensische Psychiaterin Heidi Kastner sagt (im taz-Interview): „Schweigen kann (…) Kraft geben. Man schafft das Gefühl: Ich bin der, der sich vorbehält, etwas zu sagen oder nicht. Ich lasse nicht zu, dass ihr auf mich zugreift. Zerbrecht euch den Kopf über mich. Aber ich werde euch nichts sagen. Schweigen ist eine massive Waffe. Es kann ein Werkzeug sein, den anderen hilflos zu machen.“
Und nicht nur das.
Schweigen ist auch ein wirksames Mittel, um Eskalation zu verhindern, in einem sich erhitzenden Gespräch nicht auch noch Öl ins Feuer zu gießen. Wenn Schweigen so nützlich und wirkmächtig ist, warum wenden wir es dann so selten an?
Weil wir es nicht gewohnt sind. Unser verbaler Kniesehnenreflex hat uns fest im Griff: Kaum sagt einer etwas, müssen wir auch sofort etwas dazu erwidern. Wer schweigen will, muss üben. Wenn wir das in Coaching oder Seminar tun, dann sagen viele bass erstaunt: Das gibt Kraft! Überlegenheit! Souveränität! Wer schweigt, dem/der kann man nicht. Wer schweigt, sagt, nein demonstriert: Du kannst mich nicht erschüttern. Oder auch: Für sowas geb ich mich doch nicht her.
Wobei es einen Unterschied zwischen schweigen wollen und schweigen müssen gibt. Wer schweigt, weil er/sie außer sich vor Wut, Frust, Scham ist, wirkt schwach. Das ist defensives Schweigen. Aber ganz bewusst die Antwort zu kennen und sie dem anderen vorzuenthalten – das ist etwas anderes. Man sagt: Das Wort ist mächtiger als das Schwert. Schweigen – richtig angewandt – ist mächtiger als das Wort.
Man muss nicht schweigen – aber man kann. Es ist ein Instrument im Köcher der Möglichkeiten. Wer spontan und unreflektiert alles Dahergeredete sofort erwidern muss, hat keine Wahl und damit ein Problem. Wer in derselben Situation auch wahlweise schweigen kann, hat mehr Möglichkeiten – und mehr Charisma, wie die US-Forscherin Olivia Fox Cabane herausgefunden hat: Menschen, die erst zwei Sekunden schweigen – einundzwanzig, zweiundzwanzig – bevor sie zum Beispiel auf eine Frage antworten, werden von anderen als charismatisch wahrgenommen. So einfach kann Charisma sein, so wirksam ist Schweigen. Wer auch schweigen kann, hat mehr Möglichkeiten. Gelegenheiten dafür finden Sie täglich mehr als genug. Welche wollen Sie nutzen? Wann wollen Sie Ihr Gegenüber mit einem überlegenen, souveränen Schweigen überraschen – und von sich überzeugen?

Übrigens: Wer mehr über dieses wirkmächtige Instrumente wissen möchte

http://bit.ly/1CeDqEA

Mach mal (Rede -)PAUSE

Samstag, 02. März 2013

 

Ein netter bebilderter Kommentar zu meinem Buch:“ Einfach mal die Klappe halten“ erreichte mich vor Kurzem:

Sehr geehrte Frau Dr. Cornelia Topf,

Ihr (Pause) Buch ist einfach in jeder Hinsicht (Pause)

G E N I A L !

Da Sie sehr beschäftigt sind, werte ich Ihr Schweigen als Zustimmung.

http://amzn.to/14ebn6D

 

 

Stark oder schwach schweigen – geht das?

Sonntag, 02. Oktober 2011

Ist Schweigen ein Zeichen der Schwäche oder Machtdemonstration?  Oder gar beides?

Das fragen mich immer wieder meine SeminarteilnehmerInnen und Coachees. Diese Frage habe ich denn auch den Lesern und Leserinnen meines letzten Newsletters gestellt und mich über zahlreiche Antworten gefreut. Hier ein paar Gedankensplitter daraus.

„Ich würde sagen, dass es ganz eindeutig beides sein kann. Wenn ich eingeschüchtert oder unsicher bin, ist Schweigen ein Zeichen der Hilflosigkeit. Wenn ich aber weiß, dass meine Gesprächspartner meinen, mehr zu wissen als ich, es aber nicht so ist – dann ist das Schweigen eine Form von Macht, die ich spüre. Es ist also beides möglich – schwach oder stark zu schweigen.“

„Bisher war für mich Schweigen oft peinlich und damit ein Zeichen der Schwäche. Nach der Lektüre der Buches: „Einfach mal die Klappe halten“ sehe ich das viel differenzierter. Und ich übe und genieße das starke Schweigen.“

„In einer Gesprächsrunde fühlt sich ein Teilnehmer unwohl, da er zum aktuellen Thema nichts beizutragen hat. Nun versucht er durch provokante, meist negative Beiträge, sich einzubringen, um Beachtung zu finden. In diesem Falle ist das aus seiner Sicht ein deutliches Zeichen von Schwäche, wenn er schweigen würde. Aus Sicht der anderen Teilnehmer stört er nur – hätte er geschwiegen, würde er nicht selber an seiner evtl. Macht in der Gruppe kratzen.“

„Ich finde es gefährlich zu schweigen, wenn man seine Körpersprache dabei nicht kontrolliert. Davon hängt es doch ganz wesentlich ab, ob jemand stark oder schwach wirkt. Ein einziger Blick zum Boden oder ein verlegenes Lächeln, schon kommst du rüber wie ein Depp.“

Unter Affen, Wölfen und Hyänen

Freitag, 13. Mai 2011

Sonntags morgens mit einer Freundin im Zoo einer deutschen Großstadt.

Zwischen Erdmännchen, Mandrills und Zwergflamingos sehr schnell die Frage: „Und wie läuft es bei dir so im Job?“ 

„Na, du wirst es schon in der Zeitung gelesen haben“ sagt sie da.

Nein, hatte ich nicht. Auch wenn ich dort die lokale Horrorseite schon gern mal als erstes lese. Der neue Vorstand  hatte einen der Bereichsleiter – fachlich höchst kompetent, wird von Kollegen als Mensch mit Anstand und Fingerspitzengefühl beschrieben –  am Montag vor die Wahl gestellt, sich bis Freitag zwischen einer betriebsbedingten Kündigung oder einem Auflösungsvertrag zu entscheiden.

Beim Wolfsgehege erzählte sie dann von der Personalerin, die hinzugezogen wurde. Die hatte die erschrockene Bemerkung des so Geschassten: „Ja, aber meine schulpflichtigen Kinder…“ noch mit der einfühlsamen Bemerkung: „Wenn Sie keine Familie hätten, dann hätten Sie eben jetzt andere Probleme“ quittiert. Eine beispiellose Solidaritätswelle erfasste die Organisation – der geschlossene Protest aller Bereichsleiter führte 3 Tage später zur Rücknahme der Kündigung – und zum heftigen Zurückrudern der Geschäftsleitung.

Inzwischen waren wir bei den Pinguinen: „Und die Mitarbeiter – wie reagieren die?“  „Total verunsichert. Wenn sie den rausschmeissen, sagen die, dann werfen die uns doch in Kürze hinterher. Der Krankenstand ist in die Höhe geschnellt, noch viel mehr aber leiden inzwischen unter Burnout.“

Und dann hat sie mich in Höhe der Schneeeulen noch gefragt, ob ich einen guten Burnout Experten kenne, da sei im Moment großer Bedarf. Und ich fragte mich, ob es nicht wünschenswert sei, einzelne Exemplare der spezies homo sapiens sapiens im derzeit verwaiseten Hochsicherheitstrakt für Krokodile unterzubringen – oder doch lieber „auf den Heldenfriedhof mit den superaktiven, egozentrischen Männern in der Chefetage,“ wie es Dagmar Deckstein in der Süddeutschen Zeitung fordert?

Zahnschmerzen – auch Loriot hätte seinen Stoff gehabt

Dienstag, 26. April 2011

Kennen Sie den noch: „Mama, Mama,  er hat gar nicht gebohrt“?

Gemeint war: Der Zahnarzt. Lange ist´s her. Geht man oder frau heutzutage zum Zahnarzt,  kann das vielerlei Gründe haben. Prophylaxe, Dentalhygiene, Beratung… Selten allerdings dürfte die Flucht vor der unerträglichen Stille daheim der Grund sein.   

Ein altehrwürdiges Gebäude, darin eine moderne Zahnarztpraxis. Nebst künstlicher Beduftung zur weiteren Bespaßung der Patienten ein Monitor mit bunter Abfolge von Lebensweisheiten, Zahnpflegeprodukten, mehr oder minder nützlichen Zitaten, Behandlungsinfos.  In Warte- und Behandlungszimmern jeweils mehrere Lautsprecher, Radioprogramm.  Das Anhören der lokalen Werbung des regionalen Senders unausweichlich. Die Nase gewöhnt sich schnell, der Blick hat die freie Wahl – die Ohren weniger. Hurra: Der Lautsprecher im Wartezimmer hat ein Schnürchen, flugs daran gezogen, der Spuk hat ein Ende.

Dann auf den Stuhl. Im Behandlungszimmer scheitert die Prä-Eingriffsmeditation an der Beschallung mit flotten Sprüchen über Waschmittel, Versicherungen, Autos und anderen Schnäppchen.

Also die Bitte ans Personal, das Radio ab- oder die Lautsprecher auszustellen. Geht nicht. Sender  wechseln, vielleicht Klassik? Ausgeschlossen, die anderen Patienten wollen das so. Aha. Woher man das wisse? Patientenbefragung. Nur: Im Wartezimmer ist gar niemand. Das Personal zunehmend gereizt, die Patientin zunehmend entnervt. Vielleicht eine CD mit Entspannungsmusik möglich? Nicht vorgesehen. Der wohlmeinenden Frage: Ob es wirklich so schlimm sei möchte man ein: „Es ist noch viel schlimmer. Und Sie sind ein Teil des Problems“  entgegenschleudern. Es tritt auf: Der Zahnarzt. Mit der Bemerkung „Sie können sich ja woanders behandeln lassen, wenn es Ihnen hier nicht passt“ stellt er endgültig das notwendige Vertrauen zwischen Patient und Arzt her.

Sich um Kopf und Kunden reden

Donnerstag, 07. April 2011

Das kommt Ihnen bekannt vor? Aber eher in der Version: „Sich um Kopf und Kragen reden?“

Mein Anruf bei der ländlichen Bank, das neue Konto war erst vor kurzem eröffnet, daher die Bitte, doch Überweisungsformulare (ja, da bin ich sehr konservativ) mir Kontonummer und Namenseindruck zu erzeugen. Die Mitarbeiterin war willig, aber ungeübt. Verständlich, bei einem solch anachronistischen Anliegen. „Da gibt es eine Mindest-Abnahmemenge und das kostet auch was – ich weiß aber nichts genaues. Na, dann ruf ich das mal auf. Ich brauche das sonst nicht.“ konnte ich Ihre Gedankengänge mithören. Und dann weihte sie mich unbeabsichtigt in die Details Ihrer PC-Organisation ein: „Schließfächer, Duplikate, Pfändungen, Fremdentgelte – ich blättere mal alles durch -Rücklastschriften, SEPA…“ Es war noch mehr, aber ich gab das Mitschreiben auf und fühlte mich, als habe ich beim Diktat versagt.

Da bat ich lieber um einen Rückruf. Und dachte intensiv darüber nach, aus meinem Buch „Einfach mal die Klappe halten“ einen Fortsetzungsroman zu machen.

Und immer wieder: Einfach mal die Klappe halten. Der Wink mit dem Zaunpfahl

Freitag, 07. Januar 2011

Haben Sie schon alle Geschenke umgetauscht? Schlimm, was man alles so geschenkt bekommt, nicht wahr? Oder noch schlimmer: Andere dabei beobachten oder erwischen, wie sie das, was man liebevoll für sie ausgesucht hat,  sofort umtauschen, achtlos und abwertend behandeln oder schlecht darüber sprechen. Glücklicherweise passiert uns das ja ganz selten –  eher werden doch unsere Geschenke geschätzt und wir für unsere Gaben geliebt. So auch der Dank eines Freundes, der mich jetzt erreichte:

„Liebe Cornelia,

ganz herzlichen Dank für Dein wieder mal gelungenes, provozierend zutreffendes Buch.

Gerade gestern während einer Besprechung war wieder so eine Situation, in der einige Teilnehmer über einen Gesprächspartner das gedacht haben, was Du im Titel Deines Buches so treffend schreibst.

Ich habe die Gelegenheit genutzt, nach der selbstdarstellerischen Diskussion einer Führungskraft über ein schönes Buch zu berichten, das ich just am Vortag von einer guten Freundin geschenkt bekam. Als ich  „ganz neutral“ den Titel nannte, fand dieser in dem beschriebenen Zusammenhang erheiternde Zustimmung bei den Teilnehmern. Alle waren neugierig und auch der Vorstand meldete Interesse an….“

Sie wollen auch mal mit dem Zaunpfahl winken?

http://web137.ma10084.plusserver.de/kommunikation-training/start/path@page,overview.php/page@6364d3s32/openm@129-109-93

Einfach mal die Klappe halten

Dienstag, 14. Dezember 2010

Sehr geehrte Frau Dr. Topf,

ich bin ein begeisterter Leser Ihres Buches „Einfach mal die Klappe halten“ (Warum Schweigen besser ist als Reden bzw. wie Schweigen wirkt). Seit dem Kauf dieses Buches „verschlinge“ ich fast jeden Tag ein Kapitel. Im Moment bin ich auf Seite 170 angelangt.  Bereits nach dem Lesen des ersten Kapitels hatte ich das Bedürfnis, Ihnen eine Rückmeldung zu geben, aber ich habe erst einmal die Devise beachtet, „schweigen“ in der Hoffnung, dass ich auf folgende Feststellung in meinem Alltag beim weiteren Lesen noch eine Antwort finden würde:

Tagtäglich erlebe ich in sog. „Meetings“, dass zu den Ausführungen des Sitzungsleiters/Moderators/Chef ……. zwar zunächst ein kurzes Schweigen aller Beteiligten folgt (vielleicht sogar die empfohlenen 10 Mindest-Sekunden) und der Eindruck entsteht, dass die Sitzungsteilnehmer nachdenken, dann aber meistens immer die/der Gleichen „loslegen“ (vielleicht sogar in der Annahme, „die sitzen alle nur da, ich muss jetzt endlich mal was sagen…“) und den Sitzungsleiter/……. förmlich „zutexten“, wie Sie es in Ihrem Buch auch schreiben. Und das sogar mit Erfolg. Der Sitzungsleiter/…..  schweigt und sagt dann vielleicht noch zum Schluss: „O.k., Sie haben mich „überredet“ (um nicht zu formulieren „zugetextet“)! Die Schweiger sind dann auch noch baff und beeindruckt von den Quasslern und scheinen zu denken: „Reden müsste man halt können (statt schweigen).“

So ist das oft nicht nur im Geschäftsleben sondern auch im privaten Bereich. Die Quassler am Telefon, auf Feiern etc.. Die setzen sich dann auch noch durch. Oftmals folgt spätetsens bei einer der nächsten Feiern dann auch noch der Applaus: „Komm`, wir setzen uns gleich neben XY, da haben wir Unterhaltung!“

Mit diesen Erscheinungen, sehr geehrte Frau Dr. Topf, komme ich auch nach dem bisherigen intensiven und aufmerksamen Lesen in Ihrem Buch immer noch nicht klar. Gerne hätte ich Ihre Meinung dazu gehört oder gelesen. Es wäre mir eine große Freude, irgendwann einmal von Ihnen zu hören oder zu lesen.

Ich wünsche Ihnen schon jetzt eine frohe Weihnachtszeit und alles Gute für das vor uns liegende Jahr 2011!

Mit freundlichen Grüßen…..“

Sehr  geehrter Herr…

die Freude, von mir zu lesen, mache ich Ihnen gerne und gleich.

Für das von Ihnen beschriebene Phänomen gibt es natürlich keine Patentlösung.Es ist ja noch viel schlimmer: Vielredner und Quassler sind ja nicht nur bisweilen nervig, sie haben auch in Meetings, Diskussionsrunden etc. statistische gesehen eine größere Chance, sich durchzusetzen, weil sie ihr Anliegen (zeitlich) gewichtiger darstellen können.

„Groß“ und „mächtig“ sind offenbar in der menschlichen Wahrnehmung sehr eng verknüpft.Ich trainiere bisweilen reine Frauengruppen und habe viele Frauen als Coachingklientinnen.In meiner Beobachtungen haben Frauen überproportional oft das Thema. “sich Redezeit verschaffen“ und „gehört werden“.

Dann empfehle ich oft genau das Gegenteil vom Schweigen: andere  unterbrechen, sich nicht unterbrechen lassen, viel reden….

Weil „schweigen“ eben oft mit „keine Meinung“, „schlecht vorbereitet“ oder „war gar nicht da“ verbunden wird.Das empfinde ich als eine paradoxe Situation, mit der ich alles andere als zufrieden bin.

M.E.. wird sich das erst ändern, wenn wir eine andere Meetingkultur bekommen und Schwätzen geächtet wird.Wie bei der Unternehmerin, die Ihren „Laden“, der immerhin etwa 100 Mitarbeiter hat, halbtags führt, weil sie Familie hat und für diese Zeit haben möchte.Auf die Frage, wie das denn möglich sei, hat sie geantwortet: „Als erstes habe ich die Meetings drastisch verkürzt, nur noch ergebnisorientiert. Das spart unglaublich viel Zeit.“

Schweigen ist für mich nur eines unter vielen „Kommunikationsinstrumenten“ – wobei es in Wirklichkeit viel mehr ist und es mit widerstrebt, es so zu instrumentalisieren.  In dieser Betrachtungsweise stehen dem dann andere „Instrumente“ gegenüber – small talk, Konversation, Plauderei, Klatsch und Tratsch…, Blick aufs eher Private. Und wenn jemand die Kunst der Konversation oder der intelligenten Plauderei gut beherrscht, dann lässt man sich doch auch gerne mal inspirierend unterhalten, vorausgesetzt, man hat es nicht mit einem tumben Selbstdarsteller zu tun, der nicht merkt, wenn er langweilt oder anstrengend wird.

Mit adventlichen Grüßen

Ihre Cornelia Topf