Erinnern Sie sich an die Supermarktkassiererin, der wegen zwei unterschlagener Leergutbons im Wert von 1,30 Euro gekündigt worden war? Jetzt gab ihr das Bundesarbeitsgericht Recht. Ihr Arbeitgeber sagte noch im Gerichtssaal: „Sie wird wieder eingestellt.”
Gewiss, Emmely ist in ihrer persönlichen Erscheinung nicht unbedingt eine Sympathieträgerin. Aber: Sie hat Rückgrat bewiesen. Sie hat mit den Bons zweifellos Mist gebaut. Aber: Sie fühlte sich ungerecht behandelt und ließ das nicht auf sich sitzen. Sie steht für sich ein. Wenn es sein muss, zwei harte Jahre lang. Wer kann dasselbe von sich behaupten?
Was hält uns davon ab, ähnlich beharrlich, ausdauernd, tough, überzeugt, fürsorglich, mutig, zäh und selbstbewusst zu handeln, wenn es um unsere eigenen Belange am Arbeitsplatz (und anderswo) geht?
Jeden Tag erleben wir mindestens ein Dutzend Situationen, in denen wir meist reflexartig zurückstecken, nachgeben, in den sauren Apfel beißen, die Kröte schlucken, den lieben Frieden wahren. Lauter nette Umschreibung für eine fatalen Sachverhalt: Wir verraten unsere eigenen Interessen. Insbesondere Frauen sind sehr beharrlich, wenn sie für andere kämpfen. Für sich selbst zu kämpfen kommt vielen jedoch nicht mal in den Sinn.
Ein Kollege lädt schon wieder die Arbeit bei uns ab, die er nicht erledigen mag? Ach ja, dann machen wir das eben auch noch. Der Chef wirft uns etwas vor, was gar nicht in unseren Verantwortungsbereich fällt? Er kann nichts dafür, er hat einfach nur zu viel Stress. Wir verstehen, verzeihen und schaden uns selbst.
Warum? Weil wir aus der Übung sind. Jede Wette: Emmely ist gut in Übung. Sie lässt auch sonst nicht alles mit sich machen. Das war übrigens, nach einhelliger Meinung von Prozessbeobachtern, der eigentliche Kündigungsgrund: Sie war unbequem. Das heißt ein Mensch, der für sich selbst einzustehen weiß. Wissen Sie’s?
Sie müssen ja nicht gleich vors oberste deutsche Arbeitsgericht ziehen, um für Ihre Belange einzustehen. Sie werden auch heute oder spätestens morgen am Arbeitsplatz wieder zig andere Gelegenheiten dafür bekommen. Sie müssen nicht jede davon nutzen. Und Sie müssen dabei auch nicht hundertprozentig erfolgreich sein. Am Anfang wäre es schon ein Fortschritt, wenn Sie bei jeder dritten Gelegenheit einen ernsthaften Versuch unternehmen würden, Ihre eigenen Belange auch nur ein bisschen besser, nachdrücklicher, beharrlicher, ausdauernder, intensiver und selbstbewusster zu vertreten als sonst üblich. Ohne Rumgezicke. Aber auch ohne Opferhaltung. Stehen Sie für sich ein. Wer sollte es sonst für Sie tun? Stehen Sie für sich ein. Weil Sie es sich wert sind.