Das ist ein Kerl!

Sonntag, 07. März 2010 20:25

„Sei doch nicht immer so …!“ Was auch immer: mürrisch, penibel, perfektionistisch, schnell eingeschnappt, hektisch, übereifrig, emotional, distanziert … Was hören Sie immer mal wieder? Normalerweise ignoriert frau solche Pauschalangriffe, ärgert sich drüber oder rechtfertigt sich. Verständlich, aber bringt meist nichts außer dem üblichen Gezänke. Richtig wäre, das Problem zu klären.

Dazu müssten Sie erst einmal wissen, was der andere unter … versteht. Bin ich zum Beispiel in seinen Augen erst dann perfektionistisch, wenn ich beim gemeinsamen Frühstück Krawattenzwang einführe? Oder bereits dann, wenn ich im Gegensatz zu ihm die Zahnpastatube von hinten ausdrücke? Das sollte ich vorab klären. Empfehlen zumindest die Familien- und Paartherapeuten und die Kommunikationstrainer. Also könnten Sie sagen: „Das tut mir leid, das möchte ich ändern. Deshalb möchte ich verstehen, was du meinst: Könntest du mir eine konkrete Situation aus der Vergangenheit nennen, in der du mich als … empfunden hast?“ Das ist die Lehrbuch-Lösung. Was nur wieder zeigt, wie sehr wir uns auf Lehrbücher verlassen können. Denn was berichten mir Seminarteilnehmerinnen und Coachees als häufigste Reaktion von Schatzi auf diese Lehrbuchlösung? Dies: „Stell dich doch nicht so an! Du weißt doch ganz genau, was ich meine!“ Da ist frau erst mal baff: Sie macht alles richtig und kriegt als Dank dafür eine vor den Latz geknallt. Wenn mir so etwas passiert, werde ich meist so wütend, dass ich Knall auf Fall die Situation verlasse und denke: „Du Idiot!“ Ich fühle mich nicht ernst genommen. Ich mache mir alle Mühe, komme dem anderen entgegen und der motzt bloß dumm rum! Wie ein Sechsjähriger. Ein Partnerwechsel ist in so einer Situation durchaus angesagt.

Klingt hart. Doch wer will schon mit einem Sechsjährigen in einer Paarbeziehung leben? Zur Beziehung gehört nun eben auch, dass man/frau miteinander reden kann. Und wer einen Gesprächsversuch derart unqualifiziert abblockt, der disqualifiziert sich für jede Beziehung mit einer Frau, die auch nur über ein Minimum an Selbstachtung verfügt. Viele Frauen versuchen es trotzdem. Machen Gesprächsversuch auf Gesprächsversuch und fragen mich dann: „Ich gebe mir doch solche Mühe mit ihm! Warum klappt das nicht?“ Weil Sie nicht der Therapeut Ihres Partners sind! Sie sind Beziehungspartnerin und nicht Coach oder Kommunikationstrainer. Rudimentäre Gesprächskompetenz muss ein Mann schon mitbringen in eine Beziehung – oder sie währenddessen erwerben wollen. Wenn Sie so einen Mann erwischen, dann sagt der etwa: „Mensch, du hast recht, darüber sollte ich mit dir reden können. Das probieren wir doch gleich mal!“ Das ist ein Kerl. Traut sich was. Der hat Potenzial. Den können Sie behalten.

Literaturempfehlung: Cornelia Topf: Emotionale Intelligenz, redline Verlag

Von Eichen und Schweinen

Montag, 01. März 2010 21:21

Regina war Zuhörerin bei einem meiner Vorträge. Als ich sie zufällig wieder traf erzählte sie:  „Besonders hat mich ein Spruch in Ihrem Vortrag beeindruckt: ‚Was schert es eine Eiche, wenn ein Schwein sich an ihr kratzt?’“ Sie erzählte: „Ich bin Lehrerin und habe eine Kratzbürste als Rektorin. Das sagen alle im Kollegium. Zwei Tage nach dem Vortrag schrie sie mich an. Das macht sie mit allen relativ häufig.“ Normalerweise bringt Regina das auf die Palme, sie keift zurück – und hinterher fühlen sich alle Beteiligten schlechter als zuvor. Dieses Mal nicht: „Ich sagte nichts, blieb ganz ruhig und dachte innerlich immer wieder: ‚Was schert es eine Eiche …?’ Plötzlich merkte ich, wie auch die Rektorin ruhiger wurde, wie ihr der Dampf ausging. Eine Viertelstunde später kommt sie zurück und entschuldigt sich – was sie in 15 Jahren noch nie gemacht hat.“ Die Rektorin sagte: „Das ging nicht gegen Sie. Ich musste einfach nur Dampf ablassen.“

Wir wissen doch alle, dass es Cholerikern am schnellsten den Wind aus den Segeln nimmt, wenn man auf ihre Einladung zur Verbalorgie nicht eingeht und Ruhe bewahrt. Wenn wir das so gut wissen, warum machen wir das dann nicht (öfter)? Weil wir nicht dran denken. Der Kniesehnenreflex der Kommunikation ist schneller: Angriff? Gegenangriff! Warum klappte es bei Vera? Weil der Vortrag noch frisch in ihrem Gedächtnis war. Persönliche Veränderung braucht diese gedankliche Auffrischung. Unsere Reflexe werden uns immer beherrschen – es sei denn, wir denken vorher dran. Vor der Situation. Am besten mit einem tollen Merkspruch, den wir spontan abrufen und an dem wir uns festhalten können. Erfolg braucht Merksprüche. Es gibt so einen Merkspruch für jede heikle Situation. Was sind Ihre? Vor und in allen heiklen Situationen gilt: Nie ohne meinen Zauberspruch!

Wie man sich mit seiner Sprache selbst verrät…

Mittwoch, 24. Februar 2010 19:27

.. reimt sich nicht nur wunderbar auf: “Wer anderen eine Grube gräbt….”,

und ist nicht nur ein Fall für den Staatsanwalt sondern auch einfach lustig.

Finanzkrise, Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Sprachkrise?

BayernLB, Hypo Alpe Adria, mittendrin im schönsten Schlamassel sagt einer der Beteiligten:

“Wir bedauern diesen Vorfall zutiefst und werden mit allen MItteln zu verhindern wissen, dass er nie wieder vorkommt”

Man braucht nicht immer andere, die einem ein Bein stellen, man kann das wunderbar auch ganz alleine tun.

Hol Dir, was Du brauchst!

Donnerstag, 18. Februar 2010 22:25

Eben hatte ich eine Coachee, Mutter, Wiedereinsteigerin, die eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Job ist: gutes Gehalt, gute Perspektive, Arbeitsplatzsicherheit. Sie wollte ihr Verhandlungsgeschick etwas aufpolieren, wir investierten eine Stunde und kurz vor dem Rausgehen sagte sie noch: „Ja, der Job ist ganz gut. Aber ich bin schon ein wenig enttäuscht, wie wenig Anerkennung ich bekomme.“ Ich meinte darauf: „Ja, Anerkennung ist selten im Job. Dabei machen Sie auf mich einen sehr kompetenten Eindruck. Und verhandeln können Sie auch ziemlich gut.“ – „Ach“, meinte sie. „So toll ist das nicht. Sonst wäre ich ja nicht ins Coaching gekommen.“
Da wusste ich, warum sie so „wenig Anerkennung“ bekommt: Sie nimmt sie nicht wahr. Zumindest meine nicht. Schlimmer: Sie lehnt sie ab. Das wird sie bei der Karriere ziemlich behindern. Wenn ich den Abteilungs- und Bereichsleiterinnen, die ich kenne, dasselbe Kompliment gemacht hätte, hätten die gesagt: „Danke, ja, auf mein Verhandlungsgeschick bin ich schon stolz.“ Das klingt selbstbewusst? Ist es auch. Diese Frauen sind nicht deshalb so selbstbewusst, weil sie Abteilungsleiterinnen sind. Die sind Abteilungsleiterinnen, weil sie so selbstbewusst sind. Selbstbewusste Frauen machen sich nicht klein. Sie lehnen kein Kompliment ab und sei es noch so klein oder selten. Besser noch: Sie fordern Anerkennung ein! Wenn der Chef nicht sagt, wie zufrieden er ist, fragen sie selber nach. Warum machen die das? Weil sie zu ihren Bedürfnissen stehen. Sie verdrängen ihren Wunsch nach Anerkennung nicht. Sie leben ihn aus. Und zwar so, dass er erfüllt wird. Ist das nicht schön? Wer sich um sich selbst kümmert, kriegt nicht nur, was sie will. Sie macht auch noch Karriere.

Verzögerte Intelligenz

Montag, 08. Februar 2010 19:39

Was tun, wenn die passende Antwort immer erst Stunden oder doch wenigstens Minuten später einfällt?

Einen schönen Abend reservieren, den Kamin anzünden, eine Flasche Rotwein und das Gehirn nehmen und Instantsätze  ausdenken - dann sind Sie für alle Fälle gerüstet.

Ich hole beim Restaurator meinen wunderbaren, hinreißenden Thonet Stuhl ab und nehme ihn zärtlich unter den Arm und - ganz umweltbewußt - trage ihn zur nächsten Bushaltestelle und nehme im Bus auf ihm Platz.

Die Blicke und Kommentare der Passanten reichen von mitleidig über fassungs- bis verständnislos

Was hätten Sie gesagt?

a) Was glotzen Sie so? Sie haben wohl keinen Stuhl?

b) Ich ziehe um. Das ist mein gesamter Hausrat.

c) Besser vier Beine als gar keinen Tisch.

d) Gott sei Dank, das ist das letzte Teil. Meinen Schrank und mein Sofa habe ich schon in die neue Wohnung getragen.

Schon gehört?

Dienstag, 02. Februar 2010 10:47

What kind of man is a dyslextic agnostic insomnal?

it´s a man who lies awake at night and ponders if dog exists.

Realismus und Verdrängung

Mittwoch, 20. Januar 2010 15:32

Wir erleben die schlimmste Wirtschaftskrise seit 80 Jahren, das Klima spielt verrückt und unsere Kinder erben mit staatlicher Schuldenlast und Rentenkrise eine unsichere Zukunft. Und was machen wir? Weiter wie bisher.

Selbst eine Weltwirtschaftskrise und ein zerstörtes Klima lassen uns nicht in Panik und Hysterie verfallen. Wir sind cool und souverän. Oder eher lethargisch? Phlegmatisch? Leben wir noch oder verdrängen wir schon?

Wenn ich diese Frage stelle, bricht manchmal ein Sturm der Empörung aus: „Aber ich kann mich doch nicht über jedes Unglück aufregen!“ Ist das Gegenteil von Verdrängung = Aufregung? Gibt es zwischen Gleichgültigkeit und Panik nichts mehr? Wie wäre es mit realistischer Wahrnehmung?

Die Mutter, die sich über das Weltklima sorgt und dann den Autoschlüssel nimmt, um ihr Kind in den 200 Meter entfernten Kindergarten zu fahren, leidet nicht schwer. Aber sie leidet an Realitätsverlust. Sie beklagt etwas, das nicht mehr Teil ihrer Realität ist. Sie tut so, als ob „das Klima“ außerhalb ihres Haushalts existiert und durch sie nicht tangiert wird. Wenn sechs Milliarden Haushalte so denken, dann ist klar, dass sich an den Weltproblemen nichts ändert.

Etwas anderes ist aber auch klar: Wer unter Realitätsverlust leidet, kann nicht glücklich, menschlich oder auch nur erfolgreich werden/bleiben. Denn es gibt leider keine andere Realität als diese hier. Ich kann mir noch so lange einreden, dass es trotz Klimakrise egal ist, wenn ich wegen 200 Metern meine A-Klasse anlasse. Irgendwann belehrt mich der Klima-GAU eines Schlechteren.

Wobei das Klima nur ein Leidtragender von Realitätsverlust und Verdrängung ist. Der andere ist die Verdrängende selbst: Wer Teile der faktisch existierenden Realität oder seiner eigenen Persönlichkeit abspaltet oder verdrängt, wird täglich ein wenig unzufriedener, missgelaunter, gestresster, entfremdeter, fremdbestimmter, kraftloser. Weil es eine ungeheure Kraft kostet, diese verdrängten Teile unbewusst unter dem Teppich zu halten. Die Bibel hat recht, wenn sie sagt: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Verdrängen macht unfrei und schwächt. Also machen wir die Augen auf und erkennen wir.

„Soll ich denn ob der Ungerechtigkeit der Welt in pausenlosen Jammer ausbrechen?“, fragte mich mal eine Coachee. Ich sah es ihr nach: Wer zu lange verdrängt hat, stellt solche weltfremden Fragen. Das Gegenteil von Verdrängung ist ebenfalls nicht Hysterie. Es ist schlicht und einfach die achtsame Wahrnehmung: Das erkennen, was da ist. Das anerkennen, was da ist. Ohne Wenn und Aber.

Ich kann mich nicht erinnern, dass der Dalai Lama jemals die Augen vor dem Bösen in der Welt verschlossen hätte. Er rebelliert auch nicht ständig dagegen. Aber er nimmt alles, wirklich alles, was ihm seine Augen und Ohren melden, als das wahr, was es ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deshalb ist er in seinem hohen Altern noch so jugendhaft und kraftvoll. Weil Verdrängen schwächt. Integration stärkt. Und wer meint, dass mit „bloß wahrnehmen“ die Welt nicht zu retten ist, der verwechselt Ursache mit Wirkung. Oder wie Ignatio Silone sagte: „Man sollte die Welt so nehmen, wie sie ist. Aber nicht so lassen.“

Weiblicher Perfektionswahn

Freitag, 15. Januar 2010 20:56

 „Typisch Frau“, murmeln die Kollegen, “will alles perfekt machen.”  Was war passiert? Der Abteilungsleiter hat seine Mitarbeiter gelobt: „80 % unserer Projekte laufen pünktlich zum Endtermin ein!“ Die versammelten Projektleiter nicken und lächeln erfreut. Eine der anwesenden Projektleiterinnen aber meint: „Warum können wir nicht alle Projekte pünktlich ins Ziel bringen?“  Oder: „Schatz, das Essen war super!“ – „Aber war die Suppe nicht ein wenig zu scharf?“

Geht’s noch? Warum wollen insbesondere Frauen immer perfekt sein?

Die so genannten Frauenzeitschriften suggerieren, dass Frau heute alles schaffen muss: Beruf, Beziehung, Kinder, Kochen, Haushalt, immer modisch gekleidet und attraktiv und gut im Bett. Eben: perfekt. Wenn einem dieser irrsinnige mediale Zeitgeist ständig um die Nase weht, ist es kein Wunder dass Frauen Gott spielen möchten – wobei der Allmächtige alles andere als perfekt ist. Schau sich doch bloß einer seine Schöpfung an: So charmant unperfekt!

Natürlich sind am weiblichen Perfektionismus nicht irgendwelche Zeitschriften schuld. Die könnten behaupten, was sie wollten – wenn wir es nicht glauben wollten. Doch wir glauben an die Perfektion. Warum? Weil sie uns Sicherheit gibt. Wir glauben, wenn wir perfekt wären, würden wir uns sicher, selbstbewusst, anerkannt und geliebt fühlen. Alles wäre gut, wenn alles perfekt wäre. Die perfekte Beziehung, das perfekte Leben verdienen nur perfekte Menschen. Das ist eine verständliche und sehr tröstliche Vorstellung. Ungefähr so tröstlich wie Alkohol: Wenn ich ihm zu sehr zuspreche, dann verkehrt sich seine erhoffte Wirkung ins Gegenteil.

Denn: Die ersehnte Zufriedenheit, das Selbstbewusstsein und die innere Ruhe stellen sich selbst im Augenblick des perfekten Triumphes nicht ein. Nicht wirklich und vor allem nicht nachhaltig. Warum nicht? Weil Perfektion Selbstablehnung bedeutet.

Wenn ich eine phantastische Erfolgsquote von 80 Prozent bemängele, dann sage ich unbewusst zu mir: „Ich akzeptiere dich nicht. Ich akzeptiere dich erst, wenn du … erfüllst.“ Wenn Ihnen das ein anderer sagen würde, wären Sie gekränkt. Und das zu Recht. Um wie viel kränkender ist es, sich das ständig (!) selbst zu sagen. Wer mit Perfektionismus sein Selbstwertgefühl zu stärken versucht, schwächt es. Wirkungsvoller als das der schlimmste Feind es tun könnte.

In der oben erwähnten Besprechung saß übrigens eine zweite Projektleiterin. Diese sagte hinterher im Kreis der KollegInnen: „Wahnsinn! 80 Prozent! Das freut mich jetzt. Das sag ich gleich meinem Team. Die haben sich dieses Lob von höchster Stelle verdient. Und die restlichen 20 Prozent schaffen wir auch noch!“ Das ist fast das Gleiche – aber eben nicht das Selbe. Hier freut sich jemand über das Erreichte und akzeptiert zugleich die begleiteten Fehler, Schwächen, Mängel. Das bedeutet Selbstwertgefühl: Ich akzeptiere mich in dem vielen Guten, das ich hinbekomme. Und in den ebenfalls vorhandenen Schwächen, die ich als gesunder normaler Mensch natürlich auch habe. Ich heiße meine Schwächen nicht gut. Aber ich nehme sie an und arbeite ehrlich daran. Wenn ich so mit mir umgehe, dann gewinne ich eine unvergleichliche innere Stärke und Authentizität. Der Perfektionismus verschwindet dann ganz von alleine. Weil eine starke Frau ihn nicht braucht.

Von innen heraus

Freitag, 04. Dezember 2009 12:59

Neulich auf der Heimreise per Zug: Knallvoller ICE, alle Abteile besetzt, die Gänge rappelvoll. Vier Leute sitzen im Abteil erster Klasse, aber nur einer hat ein Ticket erster Klasse. Der Zugbegleiter zitiert die erste ohne gültigen Fahrschein in den Gang, dann den zweiten, bei dem dritten zögert er, schaut ihn eine Sekunde zu lange an und sagt dann zu allen: „Ach wissen Sie was? Der Zug ist so voll – bleiben Sie einfach alle hier drin!“ Warum?

Der dritte illegal Reisende – schade, dass wir keinen Videoclip von ihm haben. Der Mann hatte einfach Ausstrahlung. Wie Clinton. Oder Thatcher. Oder Gorbatschow. Oder Großpapa selig. Man hätte ein Unmensch sein müssen, ihm seine unausgesprochene Bitte abzuschlagen. Dabei sagte er gar nichts. Er lächelte bloß freundlich und gab dem Schaffner mit einem bedauernden und zugleich augenzwinkernden Schulterzucken sein 2.-Klasse-Ticket zum Knipsen. Ausstrahlung eben.
Die Dame, die als erste aus dem Abteilung verwiesen wurde, war übrigens ein appetitlicher Anblick. Gut gekleidet, perfektes Make-up, stylishes Outfit, wie man heute sagt, dezent beschmuckt. Und wieder lügen Brigitte und Cosmo: Es ist nicht Maybelline, New York. Es ist nicht Versace. Es ist etwas, wofür man uns nicht 28 Euro pro Flacon aus der Nase ziehen kann. Es ist Ausstrahlung, Baby.
Das Schöne daran: Jede(r) kann sie haben. Wie? Wie geht Ausstrahlung? Denken Sie an einen Augenblick zurück, in dem Sie rundum zufrieden mit sich waren, in sich ruhend, im Frieden mit sich, Gott und der Welt. Da hatten Sie Ausstrahlung. Ausstrahlung kommt von innen. Das ist der Grund der tiefsten Verzweiflung aller Modetreibenden: Sie können es nicht nachmachen, von außen aufkleben oder draufhängen. Sie können dieses Strahlen von innen heraus, diesen inneren Glanz nicht nachbauen. Sie können bloß Milliarden von Euro jährlich für Werbung ausgeben und inständig hoffen, dass wir es nie bemerken werden, dass sie uns mit Glasperlen abspeisen, während sie noch nicht mal an den echten Glanz heranreichen, wenn sie sich auf ihre Blahnik-beschuhten, manikürten und in Lavendel gebadeten Zehchen stellen. Hach, was ist das richtige, echte, lohnende Leben doch so einfach.

Stress war gestern

Freitag, 06. November 2009 15:41

Gestern war es wieder so weit. Alles war mir zu viel. Zu viel Termine, Stress, Aufgaben, Ärger, Unfug, Druck, Kinder, Partner, Politiker, Kunden, Einkauf, Haushalt, Schwiegereltern, … Da beschloss ich, ab sofort durchgehend und pausenlos und bis zum Tag des Jüngsten Gerichts alles, aber auch wirklich und ohne Ausnahme alles nur noch gelassen zu nehmen.

Eine gute Bekannte meinte dazu: „Würde ich am liebsten auch sofort machen, aber das schaffe ich nicht. Warum nicht?“ Ich tippte auf: „Du hast dich nie wirklich dafür entschieden, ab sofort gelassen zu sein.“ Sie guckte mich überrascht an und meinte dann: „So habe ich das noch nie gesehen. Ich dachte, gelassen kommt irgendwie … ja … von selbst. Kann man das denn? Sich einfach dafür entscheiden?“
Ja. Zumindest Kierkegaard behauptet das mit nordischer Vehemenz. Ein praktischer Versuch überzeugt. Ich sagte zu ihr: „Komm, sag es doch mal. Sag: Ich beschließe jetzt und hiermit, auf alles mit größter Seelenruhe zu reagieren und alles mit größter Gelassenheit anzupacken!“ Sie sagte es. Ob es wirkte? Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen. Das Schöne an dem Satz: Je öfter man ihn sich in Gedanken oder wirklich vorsagt, desto entschlossener und gelassener wird man/frau.

Das Rezept ist übrigens auf alle Einstellungen und Verfassungen generalisierbar: „Ich entscheide mich hiermit, ab sofort … (mutig, fröhlich, sympathisch, zuversichtlich, unerschütterlich, charmant, sexy, intelligent, glücklich, zufrieden, erfolgreich, gesund …) zu sein.“ Wirkt immer. Manchmal heftig, manchmal moderat. Aber wirkt. Ausprobiert? Was möchten Sie sein? Wie möchten Sie sein? Jetzt? In diesem Augenblick. Wie Cat Stevens sang: If you wanna be free, be free. Wofür entscheiden Sie sich?